Die weiße Braut

„Uhhhh....muß das sein, Chris? Muß das sein? Ich mag solche Schauergeschichten nicht. Ich geh jetzt lieber schlafen. Schlimm genug, daß ich in einer solchen herabgekommenen Hütte schlafen muß.“

-“Bäh, du bist einfach überempfindlich. Komm mal runter du Pussy.“

--“Jeff, kannst du nicht einmal freundlich sein, nicht mal zu deiner eigenen Freundin?“

-“Die verstehts schon, misch dich nicht ein. Chris erzähl einfach weiter.“

„Ich geh jetzt pennen, und du kannst bei deinen Kumpels am Lagerfeuer schlafen,
zu mir brauchst heute nicht kommen.“

-“Ja, schon recht, geh schlafen. Ich trink lieber noch einen.“

--“Jeff, du bist ein Arsch. Ich weiß echt nicht was Bridge an dir findet.“

-“Komm schon, du bist nur eifersüchtig.“

---“So, jetzt halten mal alle den Rand, sonst überleg ich mir echt ob wir uns nochmal hier treffen. Ich hab lang genug meine Großmutter beknien müssen, daß wir die Hütte bekommen.“

----“Yes...wir reißen uns alle zusammen, trinken noch ein Bier, ich erzähl die Geschichte weiter und morgen pennen wir uns aus und...“

----“Ich finde es überhaupt schön, daß wir fünf uns mal wieder treffen...fünf Freunde, das sind wir...wir haben eh sonst viel zu viel um die Ohren...“

--“Stimmt. Wir fünf kennen uns jetzt schon ziemlich lange. Und wir haben ja auch viel Spaß miteinander. Die letzten Tage hier im Wald waren ja auch cool. Das Lagerfeuer hier ist auch lässig und die Hütte, wenn wir da mal alle ein bißchen Hand anlegen, dann wird das ein toller Treffpunkt, wo wir einfach ab und an mal rausfahren und gemeinsam entspannen. Fischen gehen, die Natur genießen...in den See mal hüpfen...ist ja alles da. Und....endlich mal keine Leute, weit und breit nichts und nicht mal Handyempfang!“

-“Ja, nicht mal Handy. Wenigstens haben wir genug Bier mit.“

--“So, erzähl mal weiter!“

----“Alsooooo...man erzählt sich hier so Geschichten von einer weißen Braut, die...“

--“So eine mit weißem Kleid und Brautschleier und so? Die durch die Wälder streift?“

----“Genau.“

--“Hahaha...ja die kenn ich....aber erzähl mal...“

----“Also....man erzählt sich seit Generationen...daß hier so ein junges Mädel, manchmal wird sie auch die weiße Frau genannt...durch die Wälder geht. Barfüßig. Sie soll ein Wesen zwischen dem Tod und dem Leben sein. Eine verlorene Seele, die sich in einer Gestalt manifestiert hat. Eine enttäuschte, verbitterte Seele, die es geschafft hat in einem Grenzbereich zwischen dem Dasein und dem Jenseits sich als Person zu....“

-“Wir wollen da jetzt keine Abhandlung, sondern eine Geschichte...gibst du mir noch ein Bier rüber?“

----“Ja, also...es sollen mehrere junge Mädchen im 16. Jahrhundert zur Heirat gezwungen worden sein. Hier in einem kleinen Ort in der Nähe...ein mächtiger Gutsbesitzer, ein alter Sack, soll die Familien genötigt haben ihm die Mädchen zu überlassen...junge, unschuldige Mädchen an die er sich dann vergriffen hat. Dafür durften die armen Familien ihren spärlichen Besitztum weiter führen und bei ihm weiter arbeiten. Er hat ein Mädchen geheiratet, welches dann unter mysteriösen Umständen verstorben ist...um dann darauf gleich das nächste zu heiraten. Und darauf nochmal.

Mehrere Mädchen sind zu Tode gekommen. Aber es hat sich keiner darum gekümmert...die Familien wurden nicht gehört, waren unterdrückt...und es waren alle nur betroffen, aber keiner hat was gemacht...bis....“

---“Bis.....“

----“Bis auf einmal die weiße Braut aufgetaucht ist. Zunächst soll sie nur als Nebel und Spukwesen hier aufgefallen sein...mehrere Leute haben von einem jungen Mädchen berichtet, welches in der Nacht gespensterhaft über die Felder ging...und dann...soll dieses Wesen sich immer mehr geformt haben...wurde mehr lebendig...und der Gutsbesitzer, der Widerling, soll in der Nacht von ihr besucht worden sein, jede Nacht, jede verdammte Nacht...er hat sich dann an den Pfarrer gewandt...ist zum Arzt gegangen, hat an seinem Verstand gezweifelt. Es haben zwar andere auch die Gestalt gesehen...auf den Feldern...aber es wurde keiner heimgesucht. Nur er.

Er hat keine Ruhe gefunden. Und alle sprachen nur davon, daß es auch so rechtens wahr, daß nun er leidet. Er, der ja offensichtlich mit dem Tod der jungen Mädchen zu tun hatte.

Letztlich soll er dann bei einer Sonntagsmesse mit einer Axt den Pfarrer bedroht haben.

Da hat sich dann zum ersten Mal die Gemeinde gegen ihn gestellt.

Sie haben ihn aus der Kirche geworfen...ihn geschlagen...und mit Abfällen vom Marktplatz davor beworfen. Ihn bis zu seinem Gut getrieben...wo er sich dann eine Woche nicht blicken ließ.

In der nächsten Woche am Sonntag hing er dann unterhalb der Kirchenglocke.

Hat sich in der Kirche oben aufgehängt.

Von da an, war diese Gestalt nicht mehr gesehen...bis.....vor ein paar Jahren. Nun geht das Gerücht um, daß hier in den Wäldern dieses Mädchen wieder sein Unwesen treibt.

Es soll hier durch die Wälder gehen...und grausamen Menschen ihre Existenz nehmen.

Ihre Existenz komplett auslöschen. Dieses Wesen ist über die Jahrhunderte gewachsen und mächtiger geworden...und soll nun nicht mehr die Leute in den Wahnsinn treiben, sondern sie gänzlich vernichten.

Als hätten sie nie gelebt. Einfach weg. Sie nimmt die Leute mit. Mit ihren Erinnerungen, mit den Erinnerungen, die andere an sie haben. Deswegen, so sagt man, gibt es hier nur friedvolle Menschen, es haben sich nur nette Leute hier angesiedelt, Leute, die die Harmonie schätzen und Gewalt und Mißbrauch ablehnen.“

---“Und wie ist dann die Geschichte zustande gekommen? Ich mein...wenn es irgendetwas gäbe, daß jemandes Existenz aus der Menschheitsgeschichte löscht, als hätte es den nie gegeben, dann weiß ja auch keiner davon, daß das Ding da, das Wesen das auch können würde? Oder habe ich da einen Gedankenfehler?“

----“Nein, nein...es soll nur eine alte Frau, die hier im Dorf gewohnt hat...gesagt haben...daß nur gute Menschen sich hier ansiedeln dürfen, denn alle anderen würde die weiße Frau mitnehmen...und zwar so...als hätte es sie nie gegeben....diese Frau soll eine Verwandte eines der Mädchen sein....aus der Linie einer Schwester eines der armen Mädchen.“

---“Ok. Hm. Komisch. Ich trink noch das Bier aus.“

-“Ja, eines haben wir noch immer getrunken, weg mit dem Bier! Das wird ja nur alt! Und das Märchen da...Alter, da hab ich schon wirklich Langweiligeres spannender gefunden...hahahaha“

.

.

.

--“Bridge?“

„Ja?“

--“Gut geschlafen?“

„Voll gut. Ich hab aber echt merkwürdig geträumt.“

--“Setz dich mal, Kaffee haben wir schon aufgesetzt, gleich fertig.“

„Ich hab von einer Gestalt geträumt...einer Frau...die ist durch die Hütte geschlichen, hat aber nur geschaut, ob alle gut schlafen, hat mir die Decke sogar raufgezogen, die ich runterstrampelt habe...dann ist sie raus...und am Lagerfeuer ist ein Typ gelegen mit Bierflaschen um sich...den hat sie geweckt und ist mit ihm dann in den Wald gegangen.“

----“Arg. Ich hab nämlich gestern eine Geschichte erzählt von einer weißen Frau....“

„Ja, die hatte so ein langes weißes Kleid an. Und langes Haar.“

--“Du machst mir echt Angst.“

„Du, die war ja voll nett. War ja nur ein Traum. Was war das für eine Geschichte?“

--“Erzähl ich dir nachher. Jetzt sitzen wir vier mal gemütlich zusammen und essen gutes Frühstück.“

----“Ja, wir vier, die fantastischen Vier! Meine Güte haben wir schon viel gemeinsam erlebt. Und du, Bridge, du solltest dir mal wieder einen Freund suchen, echt jetzt, bist so ein tolles Mädel, bist jetzt lange genug allein."

Bilder: Wikimedia Commons, cabin: jerrye & roy klotz md, Married Clark Wallace Bishop, 1928


XVII
Der Necromant - Teil II     04.11.2017
Gespräch mit der Göttin     23.09.2017
Die weiße Braut     26.08.2017
Der Nekromant - Teil 1     29.07.2017
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