Der Nekromant    Teil 1

Warum gerade eine Großstadt?
Ich hasse Großstädte. Die hektischen Leute.
Aggressionen. Jeder anonym. Und an jeder Straßenecke komische
Typen, die dich anquatschen.
Ich stehe hier am Bahnhof, der eher einem Flughafen ähnelt.



Riesengroß. Die Menschen gehen nicht, sie rennen fast hin- und her.
Viele ziehen Trolleys nach, haben eine Karte in der Hand...oder ein Smartphone.
Schauen umher...auf der Suche. Alle auf der Suche.
Keiner ist hier wirklich angekommen.

Ich auch nicht. Ich bin hier ebenso auf der Suche.
Wenn auch eine etwas ungewöhnlichere.
Ich suche einen Nekromanten.
Ich bin selbst Magier, doch schon lange.
Aktives Mitglied eines Ordens...und einer Loge.
Habe selbst viel erlebt, viel Erstaunliches.
Magisches.

Ja, ich glaube, nein...ich weiß, es gibt nicht nur Magie, sondern
ich selbst kann sogar magisch tätig sein.
Mit ganz guten Ergebnissen.
Magier.
Aber mir reicht mein Können nicht.
Es gibt noch viele Disziplinen in denen ich unsicher bin,
oder zu denen ich keinen Zugang habe.
In einigen Trancereisen wurde mir bewußt, daß ich mich noch mehr meinen Tiefen
stellen muß. Noch weiter hinunter gehen muß.
In die tiefe Dunkelheit.
Mir wurde gezeigt, ich solle lernen.
Als würde das nicht schon reichen, was ich kann.
Frustrierend. Nie reicht etwas. NIE.
Und...mit dem „mir wurde gezeigt“...will ich sagen...ich habe ausdrückliche Zeichen
bekommen und Aufforderungen mich dem zu stellen.
Habe mich eh lange genug dagegen gewehrt.
Aber ich kann das nicht mehr ignorieren.

Dann ging das Erkundigen los.
Was ist Nekromantie? Wer lehrt so etwas? Warum sollte man sich da überhaupt in
solche Gebiete begeben?
Schnell habe ich erfahren, daß es da nicht nur um Weissagungsmethoden geht.
Nicht nur um Totenbeschwörung. Oder Zombies oder so ein Scheiß.
Paracelsus und Aggrippa waren mir nun wirklich nicht unbekannt…
...und so ging ich deren Forschungen und Meinungen nach.
Aber vieles blieb offen...Bücher konnten mir das nicht beantworten.
Ich verstand Zusammenhänge nicht...und die Oberfläche war mir zu wenig.
Geister beschwören. Tote wiedererwecken. Wesenheiten der Unterwelt beschwören.
Mir war das alles nicht unbekannt. Aber ich merkte...ich kratzte nur weit oben…
oben...oberhalb der Unterwelt.
Ich wollte mehr. Ich brauchte jemanden, der mir den Weg zeigt, einen Lehrer.
Habe meine Meister gefragt, offene Anfragen gestellt.
Es hat gedauert, aber dann hat ein Ordensmitglied einen Kontakt hergestellt.
Herstellen können….es war nämlich nicht ganz so leicht jemanden zu finden.
Dieser soll einer der wenigen sein, der diese Kunst noch lehrt.
Ich bekam einen Brief, ja, genau...einen Brief!
Kein Mail, keinen Anruf… einen Brief.
Ich solle ihn heute um 2000 Uhr in der Hauptbibliothek treffen.
Nicht mehr, nicht weniger.
Nur dieser Satz.
„Am 06. Juni, 2000 Uhr, Hauptbibliothek Wien.“
Und darunter ein komisches Zeichen, welches ich, trotz langer Erfahrung im Bereich
Sigillen, Glyphen und magischem Zeug...einfach nicht zuordnen konnte.
Sah aus wie ein kleiner Rorschachtest. Ein Klecks. Ein schwarzer Flecken.
Vielleicht auch ohne Bedeutung, keine Ahnung.

Gerade angekommen. Ich bin müde, ich habe eine lange Zugfahrt hinter mir,
und langsam merke ich auch, daß ich hungrig werde.
Blicke auf mein Smartphone, es ist gerade 1807 Uhr.
Die Bibliothek ist nur wenige Stationen entfernt,
mit der U- Bahn bin ich in spätestens 20 Minuten dort.
Heißt ich habe noch Zeit.
Mal raus aus dem stickigen Bahnhof.
-„Hast Du vielleicht einen Euro?“
Genau das fehlt mir jetzt. Genau dassss.
Von einem Penner angequatscht werden.
Ich schau an ihm vorbei.
Und höre hinter mir, wie er andere weiter anbettelt.
-“`nen Euro? Oder 50 Cent wenigstens?“
Beschleunige meinen Schritt.

Endlich aus dem Bahnhof draußen.
Atme tief durch.
Großstadtluft. Mit Diesel und Feinstaub angereichert.
Ich hasse Großstädte.
Hupende Autos. Ich sollte ein Taxi nehmen,
ich habe keine Lust noch mit der U- Bahn rumzufahren.
Aber...kein verdammtes Taxi da, das gibt’s ja nicht.
Also...runter...die Rolltreppe runter.
Das gibt’s doch nicht...ist das nicht derselbe Penner, wie vorher?
-“Hast Du...Kleingeld?“
Ich schüttle nur rasch den Kopf.
Weiter runter. Warten auf die U- Bahn.



Genau so mag ich das.
Hier unten...am Bahnsteig...Leute mit einem offensichtlichen Alkoholproblem.
Oder noch schlimmer.
Lümmeln da auf den wenigen Sitzen rum.
Es riecht wie auf der Toilette.
Grauenhaft.
Wenigstens spielt hier jemand auf seiner Geige.
Katzenmusik.
Davor liegt ein Hut.
Ein paar Münzen drin.

Endlich, endlich kommt die U- Bahn.
Das Licht flackert durch den Tunnel.
Luft wird angesogen...und kurz danach weggeblasen.
Ich stehe nahe der Linie, die den Gefahrenbereich markiert.
Der Zug fährt langsam an mir vorbei, bis er zum Halten kommt.
Ich steig ein.
Ein unsanfter Ruck...und die Fahrt geht weiter.
Ein paar Studenten sitzen hier.
Sind mit sich selbst beschäftigt.
Ein Pärchen knutsch gerade, als hätte es kein Zimmer.
Und würde es nicht mehr bis in irgendein Zimmer schaffen.
Ein Typ schaut mich mit finsterem Blick an.
Zerrissene Jacke.
Kommt zu mir rüber.
--“Problem?“
Ich schau auf den Boden.
--“Ob Du ein Problem hast, Alter!“
Er hat eine Bierdose in der Hand.
Und ist jetzt gerade mal so 2 m weit weg...aber ich kann seinen Atem riechen.
Und der ist echt übel.
Verdammt übel.
„Nein, alles Ok.“
--“Dann ists gut, Alter!“
Lallt er.
Geht einen Meter wieder zurück.
Das fehlt mir gerade noch. Stunk mit einem angesoffenen Typen.
Die U- Bahn bleibt endlich wieder stehen.
Ich steige aus.

Von hier sinds nur wenige Gehminuten zur Bibliothek.
Wie werde ich ihn dort finden?
Ich weiß...daß sich die Bibliothek hier als Treffpunkt gemausert haben soll.
Viele Studenten. Die bis in die Nacht hier sind
und oben auch mal ein bißchen feiern,
oben auf dem Dach gibt es so eine Lounge,
da bekommt man angeblich leckere Gerichte
und Cocktails.
Und kurz vor Wochenende ist hier halt wahnsinnig viel los.
Habe ich mir sagen lassen.
Ah...da...erstaunlich.
Architektonisch erstaunlich.
Ein tolles Gebäude!
Kein Wunder, daß sich hier gerne die Leute treffen.

Gut, meinen Rucksack kann ich hier unten in einem Schließfach einsperren.
Ich löse noch einen Pass, der mir hier auch Zugang zu den Einrichtungen gewährt.
Hält sich preislich im Rahmen.
Dann kann ich vielleicht das Angebot auch nutzen, wenn ich die nächsten Tage noch hier bin.
Ich habe ja nicht mal eine Ahnung, wie lange ich hier bleibe.
Mal etwas essen.
Ich fahr mit dem Lift rauf.
Tolle Aussicht, wirklich tolle Aussicht!

Aber fast alle Tische bereits besetzt.
Ich werde mich zu wem dazu setzen.
Eine junge Frau nippt an einem Getränk mit Strohhalm und Schirmchen.
Daneben zwei Plätze frei.
„Darf ich, äh...entschuldigen sie, darf ich mich zu ihnen setzen?“
---“Ja, natürlich!“
Sie grinst.
„Danke!“
---“Ich warte nur auf jemanden. Aber du kannst dich gern hier dazu setzen.“
Sie dutzt mich. Sie ist gut 15 Jahre jünger.
Vermutlich eine junge WU- Studentin.



Gut gekleidet, schick, aber sommerlich,
sie gibt Blick auf ihren sportlichen Körper frei,
aber noch dezent genug. Hübsches Mädel.

Die Bedienung kommt…
----“Sie wünschen?“
Ah, Wiener Charme. Schon lange nicht mehr gehört.
Ich mag ja den Dialekt.
„Mineral und einen...haben sie einen Schinkentoast?“
----“Gerne, mit Spiegelei?“
Oh….klingt lecker.
„Ja, bitte!“

---“Flower.“
Sie schaut mich an. Die junge Studentin.
---“Ich heiße Flower.“
Ich lächle.
„Freut mich, Flower! Ich bin...äh….“
---“Nichts sagen, lass mich raten!“
Ich grinse noch mehr.
---“Peter? Paul?….Nein, sag nichts...du bist...hm...irgendwas mit Geschwister?“
Ich lache.
---“Irgendwas mit Bruder?“
Äh?
---“BruderMK?“
Ich erblasse.
Sie lächelt mich breit an.
---“Stimmts? BruderMK?“
„Äh...also...äh.“
Sie streckt mir die Hand entgegen.
---“Flower. Schön dich kennenzulernen.“
Und nuckelt an ihrem Getränk.
Woher weiß sie...ich...ja..also im Orden bin ich BruderMK.
FraterMK.
---“Keine Sorge. Kannst ruhig meine Hand angreifen.“
Ich, verwirrt, schüttle ihre Hand.
Ein Schatten.
Hinter mir.
Eine Person nähert sich.
-----“Ah, fein, ihr habt euch schon gefunden. War ja gar nicht so schwer, hm?“
Ich schaue auf.
Er streckt mir die Hand entgegen.
Ein Mann mit Brille. Ich schau auf die Brille.
Nein, besser gesagt...auf die Augen hinter der Brille.
Da ist was. Die Augen. Diese Augen.
-----“Ivor, die meisten nennem mich aber Iver, manche sagen auch Meister zu mir.
Das gefällt mir persönlich weniger. Denn wer ist schon Meister?“
Er lächelt.
Ich sehe seine Zähne.
„Ich bin...also...“
---“BruderMK oder FraterMK, soweit waren wir schon, nicht?“
„Chad. Ich habe kanadische Wurzeln.“
-----“Wie spannend, Flower, wußtest du das?“
Sie nickt. Und lächelt zuerst ihn an...dann mich.
Er setzt sich.
-----“Wie gefällt dir Wien? Warst ja schon lange nicht mehr hier, hm, Chad?“
„Nein, ich, äh, während meiner Studienzeit hatte ich zwei Auslandssemester hier und dann...“
-----“Berlin?“
„Nur kurz, dann hauptsächlich Regensburg.“
-----“Chad, willkommen in Wien. Schön, daß du wieder hier bist.
Bist du fleissig? Gehst du über deine Grenzen? Flower, was meinst du?“
---“Er könnte mich ja heute begleiten, meine Schicht beginnt um zehn.“
-----“Flower, eine ausgezeichnete Idee. Chad?“
„Äh, ja?“
-----“Ein Vorschlag...ich weiß, du bist müde, angespannt und kennst dich momentan nicht so recht aus, weil du so ziemlich zum ersten Mal in deinem Leben eine Situation so ganz und gar nicht einschätzen kannst und glaubst, du hast schon alles gesehen, wärest ein hervorragender Magier und deine Loge und dein Orden schätzen dich so sehr und du bist müde und hungrig, hungrig nach mehr Wissen, nach Tiefe...ich kann dir beides bieten. Nicht mehr, nicht weniger. Auf meine Art.
Flower wird dich unterstützen. Sie ist dir zur Seite gestellt, deine Mentorin. Was sie sagt, tust du.
Was SIE sagt. Ich lehre, aber was sie sagt, befolgst du. Sie hat mein absolutes Vertrauen.
Sehe mich mehr als Beobachter. Wenn es Fragen gibt, klärst du sie zunächst mit Flower.
Ok, soweit?“
„Ja.“
-----“Deinen Rucksack kannst du zu Flowers mitnehmen, aber du wirst nichts davon benötigen.
Du wirst nicht im Hotel wohnen, sondern direkt bei Flower, in ihrer Wohnung. Sie hat in der Nähe vom Naturgeschichtlichen Museum eine hübsche Wohnung mit einem Gästezimmer, welches schon für dich hergerichtet ist. Nach der Nachtschicht heute schlaft ihr euch beide mal aus und ich hole euch dann morgen abends ab. Dann schauen wir uns die Stadt mal näher an, mir ist es eine Freude dir die Stadt mal aus einer anderen Perspektive zu zeigen.“
„Danke. Ja, ich bin überascht, aber, ja, danke für die Möglichkeit. Was macht, was, also was ist die Nachtschicht? Was macht Flower?“
-----“Frag doch Flowers! Fragen klärst du zuerst mit Flower.“
Er lächelt.
„Flower, was...“
---“Ich arbeite im AKH, also im Krankenhaus in der Notaufnahme. Ich habe heute nur eine kurze Schicht, weil ich für eine Kollegin einspring. Das, so denke ich, kann ich dir somit zumuten. Wir werden von zehn Uhr abend bis zehn in der Früh Notfallpatienten versorgen. Erstversorgung, Anamnese, Daten aufnehmen, kleine Problemchen versorgen, größere weitergeben. Ach, ja...ich bin Ärztin. Keine Wu- Studentin. Und du bist für heute Pfleger Chad aus Deutschland, der mich heute unterstützt. Ich weiß, daß du medizinische Grundkenntnisse hast, somit sehe ich da auch keine Bedenken...wenn du tust was ich sage. Geht das für dich in Ordnung? Ich habe dich bereits angekündigt, also alles hochoffiziell. Ich übernehme die Verantwortung. Du bekommst auch nen schicken Kittel, wir arbeiten mit zwei Schwestern und fünf weiteren Ärzten direkt zusammen, es wird hektisch, aber du wirst das Leben...und auch den Tod heute mal auf eine andere und neue Art kennenlernen. Und deine Arbeit dazu leisten. Ja?“
„Ja, ja...ungewöhnlich aber ja. Danke.“
-----“Gut, dann verabschiede ich mich mal wieder, wir sehen uns morgen, euch wünsche ich eine gute, möglichst ereignisarme Nacht. Und...Chad….?“
„Ja?“
-----“Hast Du vielleicht nen Euro?“
Er lacht. Und geht...ich schau ihm nach.
Er...er war der Penner?

Oh. Ich bin gespannt was mich noch erwartet.
Wien ist anders. Oh, ja.

Bilder: wikimedia commons:
Bahnhof Wien Praterstern, Daniel W.
Stanice metra Praterstern, Dezidor
central building of the Viennese library, Ninanuri
pixabay: bar
wikimedia: Kapuzinergruft Wien, Erwin Kugler


XVII
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