Erinnerungen

Teambuilding. Seminarwoche.

Woche heißt es, es sind aber nur zum Glück ein paar Tage.
Von Dienstag bis Freitag sind wir jetzt schon hier.
Morgen geht’s wieder heim.
Mit Sportklamotten im Kreis sitzen und diversen Rednern lauschen.
Körperzentrierte Übungen machen.
Auf der Suche nach Kraftelementen und der „Mitte der Quelle“.
Genau. „Mitte der Quelle“.
Soll uns zu besseren Managern machen.
Als hätten wir nichts besseres zu tun.

Sitze eh schon die ganze Woche im Auto um die Großkunden
im ganzen Lande zu bezierzen doch unsere wertvollen Produkte
sich mal näher anzusehen. Von einem Kongress zum anderen.
Schauen was die Konkurrenz macht. An der Produktentwicklung
weiterarbeiten und dann noch tonnenweise Büroarbeit.
Die Arbeit bleibt liegen, nur weil ich mich hier verrenke…
...und meinem Kraftelement (sic!) Farben geben muß.

Aber es kommen wenigstens schöne Erinnerungen hoch.
An Mutter Mathy. Ich nannte sie Mutter Mathy.
Sie war wirklich wie eine Mutter zu mir.
Eine Hexe. Vor ca. 15 Jahren war ich in einer Ausbildung bei einer Hexe.
Eine wunderbare, gütige, ältere Frau.
Sah so ganz und gar nicht nach Hexe aus, wie es uns aus den Büchern vermittelt wird.
Stand fest im Leben, hatte einen Job als Therapeutin, kleidete sich modern.
Ihre Wohnung in der Großstadt wurde am Wochenende zu unserem Tempel.
Mit zwei anderen Novizinnen begann ich damals meinen Weg bei ihr.
Das Thema Hexenkunst reizte mich sehr. Schon als junge Teenagerin.
Wir wurden ja auch geradezu mit Filmen und Serien und Büchern überschwemmt.
Natürlich wollte ich auch so eine Hexe sein, mit tollen Fähigkeiten.
Die einfach nur mit dem Finger schnippt, mit dem Zauberstab schwingt…
...und meine Zauberkräfte würden die Welt besser machen.

Mathy zeigt uns die wirkliche Welt der Hexerei.
Ja, es gab Zauberstäbe und wir schnippten auch mit dem Finger.
Aber die Welt blieb dieselbe. Wir veränderten uns.
Wir reiften heran. Ich bekam mehr Selbstvertrauen. Mehr Sicherheit.
Ja, auch hatten wir Kontakt zu Göttern. Zu fremden Wesenheiten.
Zumindest nahm ich es so wahr. Ich weiß nicht...jetzt...so lange Zeit danach,
ob da nicht viel Einbildung dabei war. Viel Wunschdenken.
Götter...oder doch Halluzinationen, oder durch Wünsche das eigene Wahrnehmen verzerrt.
Ich kanns nicht sagen. Heute nicht mehr. Damals war ich überzeugt von Göttern.
Spürte Energien. Sah auch Farben, wenn Energien im Fluß waren.
Ich weiß nicht. Heute seh ich nichts mehr.
Die Götter haben mich wohl verlassen. Oder...waren vielleicht nie da.
Alles nur Psychoshit vermutlich.
Wie jetzt eben die Kraftelemente und die Suche...ja, jetzt zb nach einer Tür.
Einer Tür in einem Wald.
Ja, klar.
Hab dafür einfach nichts mehr über.

Mutter Mathy war eine tolle Frau. Hatte stets ein offenes Ohr für mich.
Sie meinte auch, damals, als ich ging...
...“Die Götter sind immer da, Süße. Immer.
Ob du an sie glaubst, sie wahrnimmst oder nicht. Immer. Und sie sind auch für DICH da.
Weil du ihre Tochter bist. Süße.“
Und sie gab mir noch einen Kuß auf die Stirn.
War mir auch überhaupt nicht böse, daß ich nicht mehr kam.
Sie meinte nur „Ich bin da, für dich, wenn du mich brauchst. Und die Götter auch. Immer.“

Mir ging es damals nicht so gut.
Ich hab den Glauben an Götter verloren.
Unselige Partnerschaften. Meine Familie war keine mehr. Ich war allein.
Und dann eben der Job. Ich stieg recht rasch auf.
Gutes Geld. Hab ein tolles Auto. Tolle Wohnung.
Hin -und wieder auch eine Beziehung. Aber glücklich bin ich schon lange nicht mehr.
Ich bekam übrigens im letzten Monat die Auszeichnung Managerin des Jahres.
Mit 37 Jahren in so einem großen Konzern schon eine Leistung.
Bekam auch einen extra fetten Bonus dafür.
Werde mir diese Ledercouch kaufen, die ich schon seit langem will...nun, ja,
wenigstens erhol ich mich dann besser.

So, Alice und Bridget gehen mit mir noch einen trinken.
Toll. Mitten am Land nach so einer Teambuilding- Woche ist das auch nötig.
Machen wir immer.
Wir sitzen nun in so einem kleinen Lokal, es ist dunkel,
fetzige Musik klingt viel zu laut aus den kleinen Boxen, die überall verteilt sind.
Ein paar junge Burschen hängen hier auch rum. Sportlich, durchtrainiert.
Fesch, gut gekleidet.
Ein paar Mädels tanzen auf der...nun, ja...das ist dann wohl die Tanzfläche,
so zwischen den anderen Tischen.
Bewegen sich gekonnt und sexy.
Trotzdem schauen uns ständig die Burschen von drüben an.

Einer kommt her. Mit Getränken in der Hand.
-„Ich bin „Will“ und willig“.
Er hat einen Grinser breit über das Gesicht.
Stellt die Gläser vor uns hin.
-„Will“ nennen mich meine Kumpels. Heiß Wilhelm.
Und ihr?“
--“Charly, Alice...und ich bin Bridget.“
Sagt Bridget. Sie hat das größte Mundwerk von uns.
-“Mädels, trinkts, das geht heute alles auf uns“
Er deutet auf seine Kumpels.
Plötzlich EINE STIMME.
Ich höre EINE STIMME.
„DON`T DRINK THAT, SARA“
Sara. Das war mein Hexenname. Sara.
Es ist eine tiefe Stimme. Eindringlich.
Auf englisch. Englisch war unsere Sprache bei den Ritualen.
Wir beruften uns auf englische Traditionen.
Ich sehe Farben. In den Gläsern.
Da sind aber keine Farben.
Ich sehe sie aber.
„POISON. SARA. POISON.“
Gift.
Bridget hat das Glas in der Hand.
„Bridget. Nicht!“
Ich schau sie an.
„Bridget, die haben uns was reingehaut. Da ist was drin.“
Bridget schaut mich groß an.
Wilhelm ebenso.
Ich steh auf. Gehe auf Wilhelm zu.
Ich berühre ihn mit den Fingerspitzen meiner rechten Hand auf der Brust.
Sehe tief in seine Augen.
Ich sehe Gewalt. Ich sehe Betrug.
„Wilhelm, Du wirst ein Glas von uns jetzt selbst trinken, dann zu deinen Kumpels
gehen, die Gläser mitnehmen und jeder von euch der damit zu tun hat wird ein Glas
trinken.“
Er nimmt das Glas und trinkt.
Er nimmt die anderen Gläser und geht zu seinen Kumpels.
„Alice, Bridget...wir gehen jetzt und fahren heim.“
Beide schauen mich entgeistert an….schauen rüber zu den Burschen.
Die sacken gerade in sich zusammen. Liegen am Boden.
Keiner rührt sich mehr.
Eine Kellnerin eilt zu ihnen.
Nimmt ein Handy aus ihrer Tasche und wählt hektisch eine Nummer.
Alice und Bridget sagen fast zeitgleich: “Ja, ja, wir fahren jetzt wohl heim.“

Und ich danke den Göttern.
Und Mutter Mathy.


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[Bild von Kimmo Palosaari (OpenPhoto.net) [Public domain], via Wikimedia Commons]


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