Der Flohmarkt

Ich liebe ja Flohmärkte. Herumstöbern. Kleine Schätze aufstöbern.
Am liebsten habe ich alte Bücher, oder Gegenstände, die Geschichten erzählen.
Wie zb den Kerzenhalter, der angeblich einer Gräfin aus der Umgebung gehörte,
die unter mysteriösen Umständen zum Tode gekommen ist.
Creepy. Ich mag sowas.

In der Halle 7, normal eine leere Lagerhalle im Stadtzentrum,
findet einmal im Monat so ein Flohmarkt statt.
Gegen kleines Entgelt kann man hier einen Stand mieten und seine Sachen verkaufen.
Bin schon bei etlichen Ständen vorbeigegangen. Leider nichts Interessantes.
Bügeleisen. Pfffff. Sogar eine Spülmaschine hab ich gesehen. Oder so komische Figuren.
Schade.

Es sind viele Leute hier. Buntes Treiben.
Jeder auf der Suche nach dem Einzigartigen. Oder auch nach dem Gewöhnlichen,
dieses aber dafür billig. Billigst.
Gehandelt wird auch immer. Ein paar Euros weniger sind schon drin.

Ah...hier, Bücher!
Hm. Geschichtsbücher...Billige Schundheftchen. Nix dabei.
Heute wohl kein Glück.
Ha, nächster Stand. Eine witzig aussehende alte Dame.
Als wären die Jahrhunderte stehen geblieben.
Viele Falten im Gesicht, trotzdem wirkt sie freundlich.
Sie grüsst mich sogar.

-„Sie sollten sich die Dinge...näher ansehen. Schauen sie genau.“

Keine Ahnung was sie meint. Ein paar Lexika sehe ich, ja nicht unspannend,
ein paar alte Romane. Eine kleine Lampe mit merkwürdigem Muster.
Eine Decke. Ah...unter der Decke ist was.
Ich greife hin. Ein Buch.

-“Manches ist zugedeckt. Manches bleibt zugedeckt. Bücher sind zu wenig.
Aber ein guter Anfang! Ein guter Anfang.“

Ich nehme das Buch hoch. Ein schwerer Einband. Das Buch muß sehr alt sein.
Aus Leder? Die Seiten wirken unterschiedlich. Als würde das Buch aus unterschiedlichen
Seiten bestehen, aus unterschiedlichen Materialien. Teilweise ausgefasert.
Viele Zeichnungen. Komische Worte mit Feder und Tinte geschrieben.
Mehrfärbig. Handgeschrieben. Ich blättere darin herum. Keine Seitenangaben.
Wirres Zeug. Ich blicke wieder aus dem Buch hoch, will die Dame fragen,
wie viel sie dafür verlangt. Sie ist aber…
...weg.

Wo ist sie hin?

Eine jüngere Dame kommt von der Seite...frägt ob sie mir helfen kann.
„Wieviel möchten sie für das Buch?“

--“Hm. Das Buch gehört mir nicht. Woher haben sie das?“

„Nun, ja...hier unter der Decke ist es gelegen. Habe gerade noch mit einer älteren Dame
gesprochen. Ihre Mutter?“

--“Ja, die Decke gehört mir. Sagen wir 10 Euro für die Decke? Alte Dame? Nein,
meine Mutter ist zu Hause, hier war auch keine alte Dame.“

„Ich hab doch gerade noch mit ihr gesprochen. Also, wie viel für das Buch?“

--“Sie verstehen nicht richtig...das Buch gehört mir nicht, ich weiß nicht woher sie das haben.
Und hier ist keine alte Frau und ich stehe hier schon seit 4 Stunden.“

„Und was ist jetzt mit dem Buch?“

--“Nehmen sie es doch einfach mit.“

„Ich...hm….ich lasse ihnen meine Visitenkarte da, geht das? Wenn die alte Dame wieder kommt,
dann soll sie mich anrufen, und ich bringe das Buch wieder zurück, oder zahle es ihr nachträglich.

--“Geben sie mir halt 20 Euro und es passt schon.“

„Ich dachte es ist nicht ihr Buch?“

--“Was erwarten sie. Ich will Geld verdienen. Ich hab noch andere Kunden.“

Ein Herr neben mir wirkt interessiert.

---“Ich gebe ihnen beiden 50 Euro und dafür gehört das Buch mir, einverstanden?“

--“Gute Idee. Ich gebe es auch dann „der alten Frau“ weiter.“

„Wissen sie was. Ich behalte das Buch einfach. Und gehe jetzt.“

---“100 Euro. Nur für sie.“

„Das ist mir doch zu dumm. Ich gehe jetzt. Mit dem Buch.“

---“Seien sie doch nicht töricht. 300 Euro.“

Ich drehe mich um. Gehe.
Er geht mir nach.

---“400 Euro. Bar.“

„Sagen sie mal, was ist so spannend an dem Buch? Ich mein, sie werden mir
ja nicht einfach 400 Euro geben wollen, aus reiner Großzügigkeit?“

---“Sie verstehen den Inhalt sowieso nicht. Werden ihn nicht begreifen.
Nehmen sie das Geld und kaufen sie sich was schönes. Und vergessen das Buch.“

„Nein. Jetzt behalte ich erst recht.“

Seine Stimme verändert sich wird laut und gleichzeitig auch tiefer, sehr viel tiefer.

---“GEBEN SIE MIR DAS BUCH!“

Er greift nach mir, will mich am Weitergehen hindern.
Seine Hand ist kalt, aber seine Finger krallen sich kräftig in mein Handgelenk.

---“DAS BUCH!“

Ich bekomme Angst. Seine Augen...leer, hasserfüllt. Sein Blick geht durch mich durch.
Er wirkt nun größer.

Auf einmal kann ich die alte Dame wieder hören:
-“Ach, klopf ihm doch einfach mal mit dem Buch auf seinen dummen Kopf.“

Das Buch, jetzt mit der rechten Hand haltend...ich hole mit der Hand aus und…
...ja, ich hau ihm damit auf den Kopf.
Er lässt ab. Wirkt wie versteinert.
Ich gehe weiter. Blicke zurück. Er bleibt stehen, macht so ruckartige Bewegungen,
als würde er sich bewegen wollen, aber er kann nicht. Wie festgewurzelt.

Und...keine alte Frau. Hab ich mir die Stimme eingebildet?
Habe ich mir das alles eingebildet?
Aber...ich habe ein Buch in der Hand.
Ich geh mal zum Auto.
Wo...wo ist mein Auto?

Ich habe es doch hier abgestellt. Da, zwischen den zwei Bäumen.
Hier ist aber nichts. Gar nichts. Abgeschleppt?
Das gibt’s doch nicht. Bitte was soll das?
Und...hinter mir wieder der merkwürdige Typ. Jetzt reichts mir.

---“Geben sie mir einfach das Buch und sie bekommen...ihr Leben. Und ihr Auto wieder.
Und Charlotte und Sissy passiert nichts.“

WAS?

„Woher kennen Sie Charlotte und Sissy? Wer sind sie?“

Stimme der alten Dame:
-“Erste Seite, erstes Zeichen und spuck ihm vor die Füsse.“

Er wirkt wieder größer, als würde er wieder anwachsen. Steht fast vor mir.
Sein Blick wird wieder eigen.
Ich schlage das Buch auf. Blicke auf das erste Zeichen. Ein mehrstrahliger Stern.
Von Mustern umgeben und ein paar Strichen durchzogen. Und was jetzt?

-“Stell dir das Zeichen vor. Projeziere es auf ihn. Und dann...“

Ich schau mir das Zeichen nochmal an. Und...fast wie ein Wunder…
es ist so...als wäre es vor meinen Augen...als würde es vor meinen Augen
aus der Seite in die Realität gezogen. Ich sehe das Zeichen vor mir.
Und ich ziehe es zu ihm. Ich bedecke ihn damit. Und spucke auf den Boden.
Nicht meine Art...aber ich mache es.
Diesesmal schüttelt es ihn. Er fängt an zu sabbern. Seine Augen verdrehen sich
unnatürlich nach oben. Als hätte er einen Schlaganfall.

Er versucht zu reden…
aber stammelt nur.

---“WAPDBJ...WAHHH.“

Und...jetzt werde ich wohl wirklich irr.
Meine Auto steht wieder hier. Zwischen den Bäumen.
Ok. Zuhause werde ich mir wohl ein kleines Getränk alkoholischer Art gönnen…

...aber jetzt...jetzt….steig ich da mal ein und fahr.
Sowas passiert mir auch nicht jeden Tag.

Und Charlotte werde ich anrufen.

Und...ja, also jetzt mal weg hier.


XVII
Der Necromant - Teil II     04.11.2017
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Der Flohmarkt     08.10.2016
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