Der Magier

Diese Geschichte stammt aus der Feder von XVII und ist sozusagen aus dem Leben gegriffen. Vielen Dank für die Artikelspende, werte Nummer!

"3 Euro. Danke."
--"Einmal bis Wien Mitte."
"Ich fahr aber nur bis Liesing."
--"Dann bis Liesing."
"2 Euro 50."
Er gibt mir 3 Euro, ein Griff zu den Münzen,
die gestapelt vor mir über der Kasse, gleich neben dem Lenkrad hängen,
nehme eine 50 Cent- Münze.
"Danke."
---"Wie lange brauchen wir bis zum Bahnhof?"
"Noch ca. 20 Minuten, wenn der Verkehr passt."
--"Das tut er doch nie...sicher wieder Stau."
"Welchen Zug brauchen sie?"
--"Den nach St. Pölten."
"Da haben sie dann aber eh noch Wartezeit übrig.
Der kommt erst in 40 Minuten und bleibt 5 Minuten am Bahnhof.
--"Wußte ich nicht, ah, fein, Danke!"

Ja, ich bin Busfahrer.
Linie 101. Außenrandbezirke, Vorstädte, fahre jeweils eine ganze Runde,
die knapp über eine Stunde dauert.
Dann gibts für mich 5- 10 Minuten Pause, bis die nächste Runde anläuft.
Muß ja auch die jeweiligen Zeiten einhalten.
Ich mags ja selber nicht, wenn ich auf nen Bus warten muß,
oder der mir vor der Nase davon fährt.

Ja, Busfahrer.
Ich mache meinen Job auch gerne.
Regelmässigkeit, nette Kollegen, geregeltes Einkommen.
Und geregelte Freizeit. Freitags und Wochenende meist frei.
Steht mir auch zu nach über 20 Jahren Dienst.
Busfahrer.
Aber nicht nur.

 Endstation der Linie 48A Baumgartner Höhe, Wikimedia Commons
Endstation der Linie 48A Baumgartner Höhe, Wikimedia Commons

Ich bin Magier.
Nein, nein, nicht so Harry Potter- Zeugs, oder so Teenwitch- Geschichten.
Ich bin Ritualmagier.
Fast schon so lange wie Busfahrer.
Anfänglich, ha, das war lustig, bin ich noch so mit Pentagramm um den Hals herumgerennt, oder habe irgendwelche komischen Klamotten angezogen,
die mein Interesse nach außen präsentieren sollten.
Gut, man wird auch älter.
Es würde keiner von mir sehen, daß ich in der Richtung was mache.
Kein Schmuck, kein Klimbim.
Auch in der Freizeit nicht.
Da trage ich am liebsten Jeans und Sweater.

Nur am Sonntag, also meistens am Sonntag,
kann man mich auch im Orden mit einer Robe antreffen.
An der Robe habe ich selbst sicher 10 Jahre gearbeitet.
Nicht, daß das notwendig wäre, oder irgendwelche "Geister" mir
das auferlegt hätten, nein, es hat sich so entwickelt.
Ja, manche gehen in die Kirche...und unser Orden kommt
am Sonntag zusammen.
Gibt bei uns auch jede Menge Frauen.
Auch nicht so Esotanten, nein...ganz "normale" Frauen.
Unterschiedlichsten Alters. Und unterschiedliche Berufsgruppen.
Eine unserer Voraussetzungen ist nämlich, daß man sein Leben,
ja, sein "normales" Leben weitestgehend im Griff hat.
Frau Essek zb. ist Buchhalterin. Genau, sie hat sogar so eine
recht eigenwillige klassische Frisur. Aber auch viel Humor.
Also nicht so stocksteif.
Frau Langhans hat Sportwissenschaften studiert und arbeitet
als Konzernmanagerin für einen großen amerikanischen Konzern.
Oder...Alois. Alois ist Polizist.
Ganz normale Leute.

"Sie müssen bei der nächsten Haltestelle aussteigen!"
---"Hätte ich fast übersehen...herzlichen Dank, sie sind aber aufmerksam."
"Ich bemühe mich."
---"Ich gehe ja meine Tochter besuchen. Die ist krank. Sehr krank."
"Oh, das tut mir leid zu hören, darf ich fragen was sie hat?"
---"Die Ärzte wissen leider nicht genau was es ist.
Zahllose Untersuchungen und es geht ihr aber immer schlechter.
Das arme Mädel. Ich bin schon so fertig. Wir rennen von Arzt zu Arzt."
Sie hält mir ein Bild hin. Ihre Tochter. Ein Bild, auf dem die junge Dame lächelt und einen Ballon in der Hand hält, ein älteres Bild, schon verblichen. Ganz dezent berühre ich das Bild.
So beiläufig. Auch streiche ich der besorgten Dame kurz über die Hand. Unauffällig.
Schau ihr kurz in die Augen,
bin zum Glück gerade auf einer geraden Strasse, kein Verkehr.
Kurz, keiner würde dem Bedeutung zumessen.
Ich halte an der Haltestelle an.
Sie hält mir noch immer das Foto hin. Sie wirkt wie versteinert.
Sieht mir in die Augen.
Ich spüre sehr viel, ich sehe ihre Tochter wie sie auf der Wiese spielt.
Ich sehe ihren Mann, der trinkt.
Ich sehe sie selbst, wie sie ihre Tochter am Abend zudeckt.
Ich spüre die Familie. Und ich sehe wie der Tochter "Energie" entzogen wird,
es gibt auch eine Oma, die maßgeblichen Einfluß auf die Familie hat.
Deswegen trinkt auch der Mann.
Psychosoziale Scheiße. Aber nicht nur das...ich spüre,
die Tochter...es liegt was auf ihr...es ist was in ihr...das Blut.
Es ist das Blut...ich bin kein Arzt, aber sie hat was im Blut.
Einen zu hohen Anteil von Blutkörperchen. Auch die Leber.
Die Leber, da ist was. Ich habe das als kurze Blitze vor meinem inneren Auge,
aber ich kann gut damit umgehen.
Nach außen merkt man da nichts mehr.
Also ich verdrehe nicht die Augen, spreche in alten Sprachen (Zungen)....und fange nicht wirr an mit einem Stab zu wedeln...
"Ich wünsche ihrer Tochter gute Besserung. Sagen sie, hat sie mal was mit der Leber gehabt?"
---"Ja, irgendwas mit Enzymen oder so. Irgendein Gamma- Wert, da war mal was. Vor Jahren.
Aber das hat sich dann einfach wieder gelegt. Wieso meinen sie?"
"Ach, ich weiß nicht, in letzter Zeit hab ich da ne Menge gehört,
vielleicht, ich weiß nicht, sollte das nochmal in Erwägung gezogen werden?
Sie wissen ja, manchmal muß man auch mal auf alte Geschichten nochmal schauen."
---"Hm. Ich werde den Arzt nochmal darauf ansprechen. Danke. Ich wünsche ihnen noch eine gute Fahrt, Auf Wiedersehen!"
"Ja, ich denke das wäre gut. Ihnen auch noch, trotz allem, einen schönen Tag!"

Sie wird den Arzt darauf ansprechen. Der wird zunächst das abtun,
dann aber trotzdem nachschauen. Wird verwundert sein, ob der Werte.
Dann reagieren. Der Tochter wird es schon in 14 Tagen besser gehen. Und der Mann, ja der wird auch wieder zum Trinken aufhören. Es wird ihm schwer damit gehen, zunächst, aber dann...
...na, ja...klar, die Familie wird weiter Schwierigkeiten haben,
aber...es wird besser.

Woher ich das weiß?
Nun, ja...ich bin Busfahrer.
Und Magier.

Foto: Sati
Foto: Sati

 


XVII
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