Betreut von MartinM
Mara und der Feuerbringer    Teil III

Heidnische Fantasy in der Kinderfilm-Falle. Fantasy-Filme made in Germany haben es offensichtlich schwer. Auch dann, wenn sie in jeder Beziehung gelungen sind. Das ist in diesem Fall besonders schade, denn der mythologische Hintergrund des Films ist bestens recherchiert.

Teil 2

Im Vorfeld wurde auch über die „Sammlung der deutschen Fernsehgesichter” gelästert, die doch nur ihre Klischeetypen 'runterspielen würden. Die schauspielerischen Leistungen sind jedoch gut und die Rollen ausgezeichnet besetzt – egal, ob durch Newcomer oder „bekannte Gesichter”.

Lilian Prent überzeugt als Mara, ein nicht ganz untypisches Mädchen in der Pubertät, das von seiner peinlichen Mutter, mobbenden Mitschülerinnen und überhaupt so ziemlich allem ziemlich angenervt ist. Jedenfalls ist sie eine unwillige, alles andere als souveräne und gar nicht heroische Weltretterin. („Allerdings bin im Weltenretten etwa so talentiert wie ein Pinguin im Beachvolleyball.”) Dass sie behauptet, dass ihr der angehenden Lindwurmtöter Siegfried (Alex Simon), den der respektlose Professor als „Unterwäschemodel” bezeichnet, ziemlich gleichgültig wäre, um darauf hin mit gierigem Blick mittels Smartphone zahlreiche Fotos vom gut gebauten Helden zu machen, passt ins Bild des „Normalteenagers”, genau so, wie dass sie die von Loki verliehenen Zauberkräfte auch gegen die fiese Mitschülerin Larissa einsetzt - allerdings auch, um einen jüngeren Mitschüler in Schutz zu nehmen.
Jan Josef Liefers ist als etwas exentrischer, aber alles andere als weltfremder Professor Dr. Reinhold Weissinger, einer Mischung aus Abenteurer und Gelehrtem, die perfekte Besetzung. Dass Liefers exentrische Professoren „kann”, bewies er als ebenso genialer wie arroganter münsteraner Rechtsmediziner Professor Dr. Karl-Friedrich Boerne im „Tatort”. Weissinger ist, trotz einige Ähnlichkeiten, etwas anders angelegt: genau so fähig, aber weniger arrogant, dafür cholerischer – meistens aus gutem Grund – und deutlich chaotischer (Aufräumen ist wirklich nicht seine Stärke). Er neigt zu knappen, treffenden und manchmal sarkastischen Aussprüchen. Nein, er ist, obwohl er oft einen Hut aufhat, keine Indiana-Jones-Kopie.

Das Loki ausgerechnet von Christoph Maria Herbst, bekannt als „Stromberg” (der Chef, den wohl niemand gern als Chef hätte), dargestellt wird, stimmte mich skeptisch. Zu unrecht, denn Herbst ist ein ausgezeichneter Schauspieler, der den selbstverliebten, zwiespältigen, undurchsichtigen, aber nicht wirklich bösen göttlichen Chefchaoten verkörpert. Es gibt einen witzigen Outtake, in dem Herbst aus Spaß den Loki im „Stromberg”-Stil darstellt, der auch deshalb so groteskt wirkt, da Herbst als Loki sonst ein völlig anderer Typ ist. Da Loki gefesselt ist, sind die von Herbst eingesetzten schauspielerischen Mittel sparsamer als die der übrigen Hauptdarsteller, die in diesem Film mehr oder weniger zum „Overacting” neigen. Was allerdings bei Mara und Weissinger nicht wirklich stört; die „Theatralik” passt.

Für ihr „Overacting” berüchtigt ist Esther Schweins, die mir bisher nur als Komikerin einigermaßen gefiel. Als überspannte „Esoterik-Hexe” Christa Lorbeer ist sie allerdings die meiner Ansicht nach perfekte Besetzung.
Eva Habermann überzeugt als Sigyn und Leonie Tepe als mobbende Mitschülerin Larissa.
Mara - Filmcrew
Die Nebenrollen sind, bis hin zu den Komparsen, gut besetzt. Die meisten Kleindarsteller und Komparsen waren LARPer, Cosplayer & Reenacter, die den Film somit unterstützt haben, und agierten sehr professionell vor der Kamera.

Interessant sind drei kleine Rollen: der wissenschaftliche Berater des Films, Professor Dr. Rudolf Simek, spielt den Geschichtslehrer Haase, Heino Ferch den windigen Seminarleiter Dr. Thurisaz, der in den beiden nächsten Folgen noch wichtig werden wird – Kenner der Runen werden schon am Namen erkennen, was es mit dem angeblichen Doktor auf sich haben könnte - und wer genau hinschaut, erkennt in der Rolle eines schottischen Touristen Billy Boyd, den Darsteller des Hobbit Pippin in Peter Jacksons „Hobbit”-Trilogie.

Special-Effects-Designer war John Nugent, der schon bei der „Matrix”-Trilogie und den „Herr der Ringe”-Filmen beteiligt war. Der Standard der gut dosiert eingesetzten Effekte ist durchweg hoch, obwohl man an einige Stellen doch merkt, dass „Mara und der Feuerbringer” ein deutlicher kleineres Buget als ein „Herr der Ringe”-Film hatte. Das Budget zwang zu einigen Kompromissen bei der Verfilmung, wobei verwendete „billige” Lösung mindestens einmal die originellere ist: Im Buch wütet der Lindwurm im „Godzilla”-Stil und zerstört die Ludwigsbrücke über die Isar. Stundenlang eine eine wichtige Brücke sperren zu lassen kam nicht infrage. Die statt dessen gefilmten Szenen, in denen der Lindwurm – interessanterweise nicht als typischer feuerspeiender Drache, sondern als in Sumpf und Wasser lebendes Amphibium dargestellt – zusammen mit einer Horde Wikingerkrieger einen Mittelaltermarkt (!) im Innenhof der Münchner Residenz heimsucht, sind eindrucksvolle Action-Szenen. Sehr überzeugend geriet der Feuerbringer, der unzufälligerweise an den Balrog aus „Herr der Ringe – Die Gefährten” erinnert.

Kein Spezialeffekt ist, dass Mara in der „mythologischen Welt” strahlend blaue und in der „Realwelt” braune Augen hat. Lilian Prent trug als „Realwelt-Mara” braune Kontaktlinsen.

„Mara und der Feuerbringer – Der Kinofilm“ hatte ein Budget von 6,5 Millionen Euro, im Vergleich zu den ca. 90 Millionen US-$ (ca. 81,7 Millionen Euro), die ein „Herr der Ringe”-Filme kostete. Daher wäre es naiv, monumentales Genre-Kino zu erwartet. Krappweis schaffte dafür etwas anderes: Einen phantastischen Film mit eigenem Stil und „Lokalkolorit”.


Die Kinderfilm-Falle

Im April 2015 schien alles gut für „Mara und der Feuerbringer” zu laufen. Die Premiere lief grandios, die Kritiken waren gut, er erhielt den „Fantasy-Award” der „Role Play Convention” als „bester deutscher Fantasyfilm seit über zwanzig Jahren” und das Prädikat „Wertvoll” der Deutschen Film und Medienbewertung (FBW).
Doch an der Kinokasse endete die Euphorie. Der Film war falsch platziert, hatte ungünstige Spielzeiten und wurde zu schnell wieder aus dem Programm genommen. Es gab kaum Werbung, kaum Promotion, und der schlimmste Fehler überhaupt: der Filmverleih hatte ihn ausdrücklich als Kinderfilm vermarktet. Dass er zeitgleich mit mutmaßlich lukrativen Action- und Familienfilmen aus den USA startete, war Pech – die schlechte Vermarktung nicht. Gerüchteweise heißt es, „Mara” wäre nur im Nebenprogramm gestartet worden, weil von vornherein nur geringes Zuschauerinteresse erwarten wurde - wenn das so ist, ist es der typische Fall einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

Ein Grund für die katastrophale Vermarktung dürfte die „Kinderfilm-Falle” sein. „Fantastischer Film aus Deutschland” bedeutet nun einmal nach aller Erfahrung „Märchenfilm”. Und „Märchenfilm” bedeutet, trotz „Krabat”, in den Köpfen der meisten Menschen hierzulande „Kinderfilm”. Mit einer Zielgruppe, die altersmäßig in etwa da aufhört, wo die von „Mara” beginnt.

Der Filmverleih (Constantin) hätte es natürlich besser wissen können. Trotzdem verfiel man dort auf die Idee, „Mara und der Feuerbringer” als Kinderfilm zu deklarieren und zu versuchen, den Kinos unerfüllbare Verleihkonditionen aufzudrücken. Ich werde den Verdacht nicht los, dass „Mara” gar nicht erfolgreich sein sollte.

Es ist in Deutschland aus diversen Gründen schwer bis unmöglich, Genrefilme groß und erfolgreich zu platzieren. In den 1980er Jahren, als außer der „Unendlichen Geschichte” auch Science-Fiction-Filme wie „Das Arche Noah Prinzip”, „Moon 44” oder „Enemy Mine” in Deutschland gedreht worden, war das ansatzweise anders. Seit den 1990 wurden einerseits vor allem in den USA zahlreiche erfolgreiche Science Fiction-, Mystery- und Fantasyfilme und -serien produziert, während man in Deutschland auf die „erfolgreichen Nischen” setzte: Filme über vergangenen deutsche Diktaturen, Milieustudien und ausschließlich für den deutschsprachigen Markt produzierte Komödien. Betriebswirtschaftlich und auf kurze Sicht betrachtet ist das vielleicht verständlich – aber eine Zukunftsperspektive sieht anders aus.

Über den seit langem fehlenden Mut der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, auch mal etwas abseits von „Schema F” zu bringen, möchte ich mich hier nicht auslassen. Privatsender wie RTL (der „Mara” mitfinanzierte), wagen sich immerhin hin und wieder an die phantastischen Genres, leider meistens mit wenig überzeugenden Resultaten. Der schlechte Ruf deutscher Phantastik dürfte auch auf allzu billig und lieblos gemachte Produktionen der Privatsender zurückzuführen sein.

„Mara” hätte das ändern können.

Die DVD/BluRay erscheint im Oktober 2015!
Offizielle Website des Films: Mara und der Feuerbringer


MartinM
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