Mara und der Feuerbringer    Teil II

Heidnische Fantasy in der Kinderfilm-Falle. Fantasy-Filme made in Germany haben es offensichtlich schwer. Auch dann, wenn sie in jeder Beziehung gelungen sind. Das ist in diesem Fall besonders schade, denn der mythologische Hintergrund des Films ist bestens recherchiert.

(Teil 1)

Wie gefiel mir der Film? Ausgesprochen gut! Nicht perfekt, aber besser, als ich es erwartet hatte.

Ich muss gestehen, dass auch ich so meine Vorurteile habe, wenn es um deutschsprachige Filme geht. Sehr oft sind sie banal, inhaltlich schlicht gestrickt - und wenn sie Kommödien sein sollen, eher albern als lustig. Oder sie sind überambitioniert: „Filme für Filmkritiker”, wie es ausgerechnet ein Filmkriter angesichts eines besonders auf „Anspruch” gequälten deutschen Filmes ausdrückte. Es gibt ja mehr als genug Bestätigung für diese Vorurteile.

Seit der „Unendlichen Geschichte”, die in etwa die selbe Zielgruppe hatte, also seit mehr als 30 Jahren, gab es keine vergleichbaren deutschsprachigen Produktionen mehr – der ebenfalls gelungene Film „Krabat” nach Otfried Preußlers Romanadaption einer sorbischen Volkssage ist aus mehreren Gründen nicht vergleichbar. Die Märchen- und Sagenverfilmungen fürs Fernsehen zähle ich, wie auch die „Bibi Blocksberg”-Filme, nicht mit, da sie nicht zur „selben Liga” gehören. Diese Filme sind jedoch in der Regel sehr liebevoll und gekonnt gemacht und gehören zu den besseren Teilen der deutschen bzw. österreichischen Filmlandschaft.

Die Mischung aus der „Realität” des heutigen München, und der „Fantasywelt” nach Vorbildern der nordischen bzw. germanischen Mythologie ist gelungen und es wird eine wirklich nette, spannende und trotz des „apokalyptischen” Themas oft ausgesprochen lustige Geschichte erzählt. Die oft ironische, augenzwinkende und manchmal satirische Haltung hätte ich (siehe oben) bei einem „deutschen Film” nicht erwartet. Ungewöhnlich sind die sonst im deutsprachigen Kino peinlich vermiedenen Anspielungen auf andere Filme und Medienphänomene. Fans fallen zahlreiche kurze Dialog-Zitate und kleine, gutmütige Seitenhiebe von Star Wars bis Marvel, von Harry Potter bis Herr der Ringe, von der britischen 60er-Jahre Band The Who bis Dr. Who und noch viel mehr auf. (Und Wagnerianer müssen richtig tapfer sein ;-) .)

In seiner Romantrilogie knüpft Tommy Krappweis an einige spätestens seit „Harry Potter” etablierte dramaturgische „Strickmuster” an. Außderdem entspricht ihre Handlung der „klassischen Heldenreise”, auf der z. B. auch die ursprüngliche „Star Wars”-Trilogie beruht: Ausgangspunkt ist die gewohnte Welt der Heldin mit ihren Alltagsärgernissen. Sie wird von einem Boten zum Abenteuer gerufen und verweigert sich diesem Ruf zunächst. Ein Mentor („weiser Alter”, obwohl der Professor gar nicht so alt ist – außer vielleicht aus Teenager-Perspektive) überredet sie daraufhin, die „Reise” anzutreten, und das Abenteuer beginnt usw. ... - wobei die „Reise” im ersten Band / Film nicht abgeschlossen wird, die „Unterweltsfahrt” ist z. B. Bestandteil des zweiten Bandes. Dennoch endet der Film nicht mit einem „Cliffhanger”, sondern mit einem „Zwischenergebnis”.

Andererseits ist Krappweis gegenüber seinen Vorbildern sehr eigenständig, denn er entschied sich dagegen, eine Fantasy-Welt zu kreiren und dafür, seine Geschichte vor dem Hintergrund der germanischen, genauer, der altnordischen, Mythologie spielen zu lassen. Das ist der definitiv schwierigere Weg, nicht nur, weil er unfangreiche Recherchen erfordert, sondern auch wegen des üblen Erbes der Nazis und ihres Missbrauchs der Mythen. Weissinger, dessen Forschungsgebiet „germanischen Mythologie” deshalb im akademischen Abseits – und im Keller der Universität - landete, regt sich darüber lautstark auf.


Szenenfoto: Sigyn (Eva Habermann), Loki (Christoph Maria Herbst) und Mara (Lilian Prent)

Krappweis legt großen Wert darauf, dass die nordisch-mythologischen Teile seiner Romane sachlich korrekt sind. Dass er diesen hohen Anspruch ohne Abstriche auch für den Film anlegt, merkt man daran, dass niemand anders als Prof. Dr. Rudolf Simek die wissenschaftliche Fachberatung übernommen hat. Simek ist Autor des Standardwerks „Lexikon der germanischen Mythologie” und vieler anderer Publikationen zum Thema. Schon in den Romanen lieferte Simek jeweils ein umfassendes, auch für Jüngere lesbares Wort- und Sachregister.
Es ist vielleicht kein Zeichen extremer Unbildung, nicht zu wissen, wer Sigyn und Loki sind, aber dass drei unserer Wochentage Namen aus germanischen Mythologie tragen (wenn man Montag nach Mani und Sonntag nach Sol bzw. Sunna dazurechnet, sind es sogar fünf) oder, dass die Germanen und damit auch die Wikinger niemals Hörnerhelme trugen, ist schon ein nettes Stück Allgemeinbildung. Der Film rückt so manche Klischees gerade. („Wickie lügt!”, wie der gute Professor es so schön bei einem seiner cholerischen Ausbrüche sagt.) Filmausschnitt auf YouTube

Tolle Sets, gut ausgesuchte Drehorte, in München und in freier Landschaft, gute schauspielerische Leistungen und gut gemachte Spezialeffekte in der richtigen Dosierung (mehr zu diesen weiter unten), runden meinen positiven Eindruck ab. Das keineswegs unwichtige I-Tüpfelchen sind die germanischen Kostüme. Da stimmt, soweit ich es beurteilen kann, jedes Detail. Dagegen fallen fast alle „Historienfilme” und sehr viele „Dokudramen” ab – von der hochgelobten Serie „Vikings” ganz zu schweigen.
Zumindest in Sachen Ideenreichtum lässt er viele US-Fantasy-Filme weit hinter sich.

Völlig subjektiv, nach meinen ganz persönlichen Geschmack, hätte ich gern eine generell düstere Stimmung gehabt. Das wäre allerdings in einem „Familienfilm” nicht machbar gewesen. Es gibt auch einige kleine Logikfehler. Eine gewissen Schwäche für einen an sich temporeichen Film sind Maras vielen Off-Kommentare – aber ganz ohne sie würden Zuschauer ohne Kenntnisse des Romans in der ersten Hälfte des Films vieles nicht verstehen.


Wicca-Bashing?

Maras (von Esther Schweins dargestellte Mutter) Christa Lorbeer ist, was ausdrücklich und mehrmals im Film gesagt wird, Wicca. Sie und ihre Gruppe (der Begriff „Coven” kommt nicht vor), die „Wiccas von der Au”, erfüllen so ziemlich jedes Klischee über überspannte „Esoterik-Hexen”.
Das stieß einigen Wiccas übel auf. Besonders, weil „Mara und der Feuerbringer” wahrscheinlich der erste deutschsprachige Unterhaltungsfilm ist in dem Wiccas Teil der Handlung sind.
Übrigens wird in keiner mir bekannten Filmkritik erwähnt, dass Frau Lorbeer eine Wicca ist, selbst der Begriff „moderne Hexe” kommt sehr selten vor. Die meisten Kritiker und Kritikerinnen bezeichnen sie als „Esotante”.
Was sie ja auch ist. Wiccas, die ihr Wiccatum ernst nehmen und die Quellen ihrer Spiritualität kritisch hinterfragen, werden wahrscheinlich nicht so viel Geld für esobärmlichen Firlefanz und fragwürdige Seminare ausgeben, wie Christa Lorbeer dies tut.
Außerdem werden die „Wiccas von der Au” gnadenlos subjektiv aus der Perspektive der von ihrer Mutter angenervten Mara gesehen. Im Roman heißt es:

Wicca war angeblich ein altenglischer Begriff für Hexe, aber Mama wurde immer sauer, wenn Mara sie fragte, ob sie wieder zu ihrer Hexengruppe ging. Denn laut Mama waren ihre Wiccas »ein Zusammenschluss weiser und starker Frauen, die wissen, worum es in der Welt wirklich geht«. Für Mara hingegen waren sie »ein Zusammenschluss weichkeksiger Schabracken, die von der Welt überfordert sind und sich darum eine eigene bauen«.

Als durchaus auch hexisch orientierter Heide musste ich erst einmal schlucken, als ich das las. Es kam mir fast so übel vor, als hätte Tommy Krapweis eine Gruppe teutsch-völkischer Fanatiker mit starkem politischen Rechtsdrall als „germanische Heiden” eingeführt.
Auf den zweiten Blick ist Frau Lorbeer keine bösartige Karrikatur einer Wicca. Ich kenne nämlich „Lametta-Hexen” (erkenntlich daran, dass sie vor lauter magisch-mystischem Schmuck kaum noch aufrecht gehen können) und noch mehr „ich-habe-da-ein-tolles-Buch-gelesen-und-bin-jetzt-Wicca", nebst jeder Menge Möchtegern- und Mode-Hexen, die sich original so wie Christa Lorbeer verhalten, bis in sprachliche Details und Details ihrer sehr new-ageigen Wohnungseinrichtung hinein. Es sind Klischees, ja, aber solche, die leider im prallen Heidenleben gar nicht mal so selten sind. Tommy Krappweis scheint ein guter Beobachter der „Eso-Hexen-Szene” zu sein.
Ärgerlich ist daran allenfalls, dass weder im Buch noch im Film Wiccas vorkommen, die nicht so weltfremd und konsum-esoterisch sind wie die „Wiccas von der Au”. Dass die meisten Hexen und Heiden ruhige und vernünftige Menschen sind, die im Alltag gar nicht weiter auffallen, weiß Krapweis nämlich aus eigener Erfahrung ganz genau.

Wobei Frau Lorbeer ja auch ihre sympathischen Seiten hat und durchaus ernsthaft an heidnischer Spiritualität interessiert ist; nur hatte sie das Pech gehabt, auf einen kostspieligen Irrweg geraten zu sein. Es ist absolut kein Zufall ist, dass Professor Weissinger und sie sich näher kommen.

Im dritten und letzten Teil geht es um Schauspieler, Spezialeffekte und die Frage, wieso dieser Film in die Kinderfilm-Ecke gestellt wurde.


MartinM
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