Mara und der Feuerbringer    Teil I

Heidnische Fantasy in der Kinderfilm-Falle. Fantasy-Filme made in Germany haben es offensichtlich schwer. Auch dann, wenn sie in jeder Beziehung gelungen sind. Das ist in diesem Fall besonders schade, denn der mythologische Hintergrund des Films ist bestens recherchiert.

Am 2. April 2015 lief ein außergewöhnlicher Film in deutschen und österreichischen Kinos an – und verschwand, von einigen „Spezialitätenkinos” abgesehen, recht schnell wieder aus dem Programm. Das ist schade, denn „Mara und der Feuerbringer” wagt sich nicht nur an das Genre „Fantasy” – was für einen deutschsprachigen Film schon ungewöhnlich ist – sondern entnimmt seine Themen der nordischen Mythologie – was für einen deutschen Unterhaltungsfilm „für die ganze Familie” immer noch mutig ist.
Plakat des Filmes 'Mara und der Feuerbringer'

Außergewöhnliche Filme brauchen außergewöhnliche Filmemacher. Regie führte Tommy Krappweis – er erfand u. A. Bernd, das immer schlecht gelaunte Brot. Krappweis verfilmte seine eigene literarische Vorlage, den ersten Teil einer erfolgreichen Jugend-Fantasy-Romantrilogie „Mara und der Feuerbringer”.

Die Hauptperson ist die 15-jährige Münchnerin Mara Lorbeer (Lilian Prent). Sie ist eine Tagträumerin, die deswegen von ihren Mitschüler, vor allem der arroganten Larissa (Leonie Tepe) gehänselt wird. Ihre Mutter (Esther Schweins) ist Wicca, die ihre darüber nicht unbedingt erfreute Tochter zu einem Ritual in freier Natur mitschleppt. Mara ist es äußerst peinlich, denn sie sieht, anders als die übrigen Frauen der „Wiccas von der Au”, keinen Sinn darin, zu versuchen, mit Bäumen zu sprechen. Beim Rückweg merkt Mara, dass ihre Mutter einen Zweig in den Haaren hat. Zu ihrer Überraschung redet der Zweig auf einmal mit ihr. Der Zweig kann nicht nur sprechen, sondern hat sogar eine äußerst wichtige Botschaft für sie: Sie sei die letzte Spákona und sie soll Loki wieder binden. Sie soll die ganze Welt vor Ragnarök, der Götterdämmerung, retten. Leider stirbt der Zweig, da er von seinem Baum getrennt wurde, bevor er Mara ausführlich einweihen kann. Er konnte ihr aber noch die Vision eines Mannes mit rabenschwarzen Augen vermitteln, der an einen spitzen Stein gefesselt ist, über sich eine Schlange und eine Frau mit einer Holzschale.
Bei ihren Recherchen im Internet stellt Mara fest, dass Spákona „Seherin” bedeutet, und das ihre Visionen aus der germanischen Mythologie stammen. Sie sucht Professor Dr. Reinhold Weissinger (Jan Josef Liefers) auf, einen ausgewiesen Experten für die germanische Mythologie. Gemeinsam bekommen sie heraus, dass der gefesselte Mann der Halbgott Loki (Christoph Maria Herbst) ist und die Frau mit der Schale seine Frau Sigyn (Eva Habermann). Sie erkennen, dass Mara die Einzige, ist, die den Weltuntergang verhindern kann. Dazu muss sie dem von heftigen Schmerzen gequälten Loki seine entführte Frau zurückbringen, die ihn bisher vor dem ätzenden Gift der Schlange bewahrt hatte. Wenn dies Mara nicht gelingt, wird Loki in seinem Schmerz das Ragnarök (besser und fälschlich bekannt als „Götterdämmerung”) heraufbeschwören und damit die Erde zerstören. Rätselhaft bleibt vorerst, was es mit dem bedrohlichen „Feuerbringer” namens „Loge” auf sich hat. Mara gerät immer tiefer in eine magische Welt, in der sie all ihren Mut beweisen und über sich hinauswachsen muss. Zusammen mit Professor Weissiger versucht sie, Ragnarök zu verhindern.

Ich habe diesen Film in einer Vorabendvorstellung gesehen. Im Abendprogramm lief „Mara” nicht, und sogar in einer Metropole wie Hamburg war es schwierig, überhaupt ein Kino zu finden, in dem der Film nicht ins Nachmittagsprogramm oder die Matinee verbannt war. Der Kinosaal war übrigens fast leer.
Um die naheliegende Frage vorwegzunehmen: Nein, „Mara und der Feuerbringer” ist trotz FSK-Freigabe „ab sechs Jahren” und seinem Fehlen im Abendprogramm kein Kinderfilm. In der Tat ist „FSK 6” etwas, auf das sich Eltern, Großeltern und sonstige „Begleitpersonen” nicht verlassen sollten, nicht im Allgemeinen, und ganz speziell nicht bei „Mara”: es gibt in diesem Film einige Szenen, bei denen sich etwas sensiblere Kinder im Grundschulalter die Augen zuhalten. (Ich habe das bei einem kleinen Jungen, der zusammen mit seinem – mutmaßlichen – Großvater in der Reihe vor mir saß, beobachtet.) Auch inhaltlich dürfte er die meisten Sechsjährigen überfordern. Realistischer wäre eine Freigabe ab acht Jahren gewesen, wobei ich, außer bei Kindern, die sehr „weit” für ihr Alter sind, den Film erst ab zehn Jahren empfehlen würde.
Selbstverständlich ist es eine Jugendbuchverfilmung, allerdings die eines Jugendbuchs, das wie „Harry Potter” auch erwachsene Leser anspricht. Im direkten Vergleich ist „Mara und der Feuerbringer” deutlich „erwachsener” als die „Harry Potter”-Filme, außer vielleicht dem letzten.

Vor der Premiere äußerten sich viele Fantasy-Fans lobend über den Film, vor allem auf „sozialen Medien” wie Facebook. Über diese „Vorschusslorbeeren” waren einige Filmfreunde genervt. Und es wurde sehr viel über diesen Film gelästert – leider auch von professionellen Filmkritikern. Diese Lästereien – Tenor: „Fantasy aus Deutschland? Das kann doch nichts sein, lasst mal lieber Hollywood dran!” – wurden dann geradezu massenhaft weitergetragen – witzigerweise meistens von Leuten, die diesen Film gar nicht gesehen hatten und auch die Romanvorlage nicht kannten.

Teil 2, in dem ich schildere, wieso ich diesen Film so schätze, und was ich von dem (von einigen Wiccas so genannten) „Wicca-Bashing” halte, demnächst in diesem Kin… äh, Magazin.


Ende Teil I


MartinM
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