Betreut von MartinM
Marvel und Mythologie   Teil II

Anmerkungen anlässlich des Films „Thor 2 – The Dark World“. Nein, das ist keine Rezension des Anfang November 2013 in die Kinos gekommenen Films, der aus unerfindlichen Gründen in der deutschen Fassung „Thor 2 – The Dark Kingdom“ heißt, denn die „Dunkle Welt“ ist eine ziemlich gute Beschreibung von Svartalfheim (Schwarzelbenheim), neben der Asenwelt Asgard und der Mittelwelt Midgard – besser bekannt als „Erde“ - Schauplatz des Filmes.

Die Asen und Vanen im Popcorn-Kino

Sowohl „Thor“ wie „Thor – the Dark World“ halten sich an die etablierten Standards des Marvel-Universums. Allerdings kommen sie trotzdem den überlieferten Mythen und Sagen in mancher Hinsicht erstaunlich nahe. Ich sehe jedenfalls starke Hinweise dafür dass die Drehbuchautoren sich mit den Göttersagen, anders als manche Kritiker meinen, sehr wohl auskennen – jedenfalls besser als seinerzeit Stan Lee, als er auf die Idee kam, aus Thor einen Superhelden zu machen.

Dass Loki, anders als in der Mythologie, Thors Stiefbruder und nicht Odins Blutsbruder ist, wurde im Comic etabliert - aber ein wichtiger Punkt in den Filmen ist, dass Loki, wie sein mythologisches Vorbild, von Geburt ein Riese ist, Laufeyas Sohn (allerdings ist Laufeyas bzw. Laufey Lokis Mutter, sein Vater heißt Farbauti), und ein abgründiger, unberechenbarer Trickster ist, der zu jeder Schandtat, aber auch, wenn es einmal passt, auch zu jeder Heldentat fähig ist. Ein ambivalenter Schurke, der um einiges interessanter ist, als es ein eindimensional böser Bösewicht sein könnte.

Lokis gestaltwandlerischen Fähigkeiten kommen im zweiten Film sehr schön zum Tragen. Nur dass Loki ein genialer Erfinder und „Kulturheros“ ist, kommt nicht vor. Dafür wird im zweiten Film sehr deutlich, wie sehr Loki der „Schatten“, die personifizierte „andere Seite“, im Charakter Odins ist.

Hier ein kleiner Einschub aus der „echten” Mythologie: Loki (oder Loptr) ist ein recht seltsamer Gott – jedenfalls für ein indoeuropäisches Pantheon. Als Blutsbruder Odins hat er einiges mit diesem Gemeinsam, z. B. die Fähigkeit zum Gestaltwandel und zur Zauberei, und trägt, zufällig oder nicht, eine germanische Form des Namens des keltischen Gottes Lugus (Lug, Lugh), der in mancher Hinsicht Odin sehr ähnlich ist. Anderseits ist Loki ein Trickster-Gott, wie es ihn in dieser Form vor allem bei schamanischen Kulturen gibt: Loki ist ambivalent, er kann Schlechtes wie auch Gutes bewirken, letzteres manchmal gegen seine ursprüngliche Absicht. Diese Ambivalenz ist ein ziemlich sicheres Zeichen dafür, dass die Loki-Erzählungen in der eddischen Dichtung tatsächlich heidnischen Ursprungs sind – in den ansonsten ähnlichen Teufelssagen ist der Teufel eindeutig böse und immer glaubensstarken Christen, die seine Schwächen kennen, unterlegen. Vermutlich wurden die negativen Züge Lokis nach der Christianisierung betont, so dass der in den Edden eher sinistere Loki ursprünglich weder „gut“ noch „böse“ ist. Loki wird wegen seiner List und seines Einfallsreichtums von anderen Göttern herangezogen, um aussichtslose Probleme zu bewältigen, aber nicht selten ist ER das Problem! Er kann sich in alle erdenklichen Lebensformen verwandeln. Da er ausgesprochen lüstern ist und auch sein Geschlecht umwandeln kann, ist ihm (ihr) keine sexuelle Erfahrung fremd. Außerdem ist der erfinderische Loki in gewisser Hinsicht Kulturheros. Damit erinnert Loki nicht nur sehr an Trickster-Götter wie Kojote (amerikanischer Nordwesten), Rabe (in Ostsibirien, Alaska, Nord-Kanada, Grönland), Itomi bei den Lakota oder Kokopele bei den Hopi, sondern zeigt auch viele typisch schamanische Züge. Heutige Heiden identifizieren Loki gern mit der „Tücke des Objekts” und mit „Murphies Law”, was auch stimmt, aber der vielschichtigen Gestalt nicht gerecht wird.

Thor ist, wenn man einen Gott zum Superhelden machen will, die logische Wahl.
Thor ist Beschützer der Menschen, viele seine Taten entsprechen denen „menschlicher” Heroen. Er kämpft gegen Riesen und Ungeheuer, und er ist, anders als Allvater Odin, ein bodenständiger und ehrlicher Charakter. Dass Thor auch ein Fruchtbarkeitsgott ist, merkt man seiner Comicversion nicht an, der Aspekt des Wettergottes kommt in ihr hingegen vor, spielt aber eine untergeordnete Rolle.

Marvels Thor hat, als auf einem Gott beruhender Superheld, nur wenige Schwächen. Allerdings ist der Superhelden-Thor, wie sein Vorbild, verwundbar und nur potenziell unsterblich, und neigt manchmal zum Jähzorn. Hierzu wurde ihm von Stan Lee ein Hang zur Arroganz und zum Ungehorsam angedichtet, den es so beim Vorbild nicht gibt.
Thor passte ins Konzept von Lee und seinen Mitstreitern, die auf die eher peinlichen „künstlichen Archillesfersen” wie Supermans Kryptonit-Allergie verzichteten, und ihre Helden von Anfang an mit menschlichen Schwächen ausstatteten.

Ich habe den Eindruck, dass Thor zumindest im zweiten Film geistig deutlich fitter ist als im Comic – charmanter sowieso. (Sonst wäre er als Liebhaber einer selbstbewussten Astrophysikerin wohl auch nicht glaubwürdig.) Auch das entspricht der Mythologie, denn Thor hat nicht nur Muckies, er hat auch Grips, wenn er auch eher „bauernschlau“ ist, als wie Odin „intellektuell“ oder wie Loki „genial listig“.

Marvels Odin weicht von dem mythologischen Odin insofern ab, da er um Frieden und Gerechtigkeit in den Neun Welten ringt. Das passt zu einem ausgewiesenen Kriegsgott eher weniger, und Gerechtigkeit ist auch nicht unbedingt seine Kernkompetenz – manchmal ist Odin ja ähnlich hinterlistig wie sein „dunkler Bruder“ Loki. Obschon Odin ein grauhaariger Ase ist, eben „der Alte“, ist er selbstverständlich topfit und gesund, jedenfalls bis Ragnarök, es besteht für ihn also, anders als für den erschöpft wirkenden Film-Odin, kein Grund, sich nach einem Nachfolger umzusehen.

Die Comic-Sif und mit ihr die Film-Sif weicht jedoch stark von der mythologischen Sif ab. Sif ist in der Mythologie bekanntlich Thors Ehefrau, eine eher mütterliche Gestalt, und überdies mit wie echtes Haar nachwachsendem Haaren aus Gold ausgestattet, nachdem Loki ihre echten Haare abgeschnitten hatte (nach anderer Lesart hatte der unberechenbare Listerreiche sie skalpiert).
Im Film ist Sif eine energische Kriegerin mit dunklen Haaren, die mit Thor befreundet ist, vielleicht auch mehr als nur befreundet, aber nicht fest liiert. Die junge streitbare Göttin könnte eine Ober-Walküre sein, immerhin kommen im Film auch Einherijer vor. Das sind im Kampf gefallenen tapfere und würdige Krieger, die in Walhall bis zum Ragnarök ein recht angenehmes und unterhaltsmes Leben nach dem Tode führen. Seltsam ist nur, dass im Film diese an sich schon toten Krieger getötet werden können und nach einem Wikingerritus bestattet werden, sie sterben allenfalls im „letzten Gefecht” gegen die von Loki angeführten Mächte des Chaos (nicht etwa „des Bösen”!) ein zweites Mal.

Weitere auftretende und namentlich genannte Götter und Götttinnen sind Heimdall, Wächter der Götterterwelt Asgard und der Regenbogenbrücke Bifröst, Frigga bzw. Frigg, Götterköigin, Eir, die Göttin der Heilkunst, Tyr, Wahrer des Rechts und Schützer der Thingversammlung, und Bor, Odins Vater.
Mit fiel auf, dass Freyja in den Filmen fehlte. Allerdings nimmt in gewisser Weise Sif Freyjas Stelle als kämpferische und liebeshungrige Göttin ein.
Im Großen und Ganzen entsprechen die „Großen“ ihren mythologischen Gegenstücken. Natürlich gibt es Kompromisse, wie Thors kurzer Vollbart ein Mittelding zwischen dem glatt rasierten Comic-Thor und dem rotbärtigen Donnergott der Mythologie ist.

Interessant ist der Einfall, dass die im Marvel-Comic obligatorischen „bösen Außerirdischen“ in „Thor – the Dark World“ Schwarzalben bzw. Dunkelelfen sind – die nicht etwa wegen ihrer Hautfarbe so heißen, die ist im Mythos leichenblass, sondern wegen ihres dunklen Wohnortes. Die Abgrenzung zwischen Schwarzalben und den ebenfalls unterirdisch bzw. in einer dunklen „Unterwelt“ lebenden Zwergen ist in der Mythologie nicht immer klar, da widersprechen sich die Überlieferungen. Die Verbindung aus Machtgier und technischem Geschick, die die Schwarzalben im Film an den Tag bzw. an die Nacht legen, trifft auch auf ihre mythologischen Gegenstücke zu.


Nicht zu vergessen: Auch die „echte Mythologie“ ist keine „Offenbarung“!

Entgegen der Ansicht einiger Anhänger der „Alten Sitte“, einigen dogmatisch gesonnenen Asenfreunden und Häufchen selbsternannter „Altheiden“ sind die nordischen Göttermythen keine „heiligen Schriften“ und auch keine „Offenbarung“ im Sinne der monotheistischen Religionen. Ein Mythos ist ganz wörtlich eine Erzählung, die Göttermythen sind Geschichten, die sich die Menschen über die Götter erzählten. Sie wurden immer wieder neu erzählt, abgewandelt, nacherzählt und unterschiedlich interpretiert.
Die als Lieder-Edda bezeichnete Textsammlung, in der Lieder, d. h. im Versmaß erzählte Mythen und Sagen unterschiedlichen Alters niedergeschrieben sind, stammt aus dem hochmittelalterlichen Island, also aus einer Zeit, in der Island längst christianisiert war. Die meisten Stoffe stammen sicherlich aus heidnischen Zeiten, aber viele der Lieder sind unverkennbar hochmittelalterlich geprägt.
Unser übliches Bild der „nordgermanischen Mythologie“ wird sehr stark von der „Snorri-Edda“ bestimmt, in der Tat lässt sich sogar sagen, dass Snorri Sturluson (gestorben 1241) erst aus den verschiedenen Mythen eine systematische Mythologie schuf.
Die Edda wurde um 1220 von Snorri als Lehrbuch für Skalden (also die höfischen Dichter und Sänger des nordeuropäischen Mittelalters) verfasst. Sie gliedert sich in drei Teile, deren beiden erste die stofflichen Grundlagen der Skaldendichtung, die Mythen und Heldenlieder, in Prosa nacherzählen - daher auch „Prosa-Edda“ im Gegensatz zur „Lieder-Edda“. Dabei interpretiert Snorri die überlieferten Stoffe recht frei - und deutlich durch die christliche Brille. Es unterliefen ihm nachweislich Fehler, zum Beispiel erscheint ragnarök (etwa „Götterschicksal”) bei ihm als ragna rökr (etwa: „Götterfinsternis”) , woraus in einer weiteren Stufe des Missverständnisses „Götterdämmerung“ wurde. Als Systematiker schuf Snorri Ordnung, wo es keine gibt. Es ist geradezu rührend, wie er versuchte, die Anzahl der „Hauptgötter“ auf die aus der Antike überlieferte Zahl zwölf zu bringen.
Der dritte Teil, das „Strophenverzeichnis“, ist als Quelle für die heidnischen Mythen wertvoller. Snorri bringt für jede Strophenform eine Beispielstrophe. In dieses Werk schiebt er oftmals als Beispiele einzelne Strophen oder kurze Strophenfolgen aus alten Liedern ein. Damit wurden diese Lieder ungewissen Alters fragmentarisch überliefert.
Die eddischen Göttergeschichten sind literarisch gestaltete Episoden mit Göttern in der Hauptrolle, meistens unterhaltsam, manchmal in schwankhafter Form. Diese Dichtungen sind nicht notwendigerweise repräsentativ für das, was sich das einfache Volk damals erzählte, und erst recht nicht für die Mythen, wie sie vor der Christianisierung mündlich überliefert wurden.

Bis auf einige wenige durch glückliche Zufälle erhalten gebliebene Fragmente, wie die althochdeutschen „Merseburger Zaubersprüche“, sind die „germanische“ Sagen und Mythen uns auf dem Stand des christlich geprägten Hochmittelalters überliefert. Auch die mündliche Überlieferung im Volk wurde selbstverständlich von einer durch Christentum und feudale Staatlichkeit geprägte Umgebung beeinflusst.Thor - aber nicht von Marvel


Seht es locker!

Alles in Allem kommen Thor und die anderen „Großen“ in den Marvel-Filmen gut weg. So gut, dass sie sogar dazu beitragen könnten, das deutsche (und österreichische) Verhältnis zur allem, was „germanisch“ ist, etwas zu entkrampfen. Meiner Ansicht nach ist das Bild, dass die Filme von der „nordgermanischen Götterwelt” zeichnen, besser getroffen, als die weitaus bekanntere Mytheninterpretation Richard Wagners im „Ring des Nibelungen”. (Den ich als Komponisten schätze, aber dessen Weltsicht ich zum Teil widerlich finde – über seinen bekannten Antisemitismus hinaus.)

Meines Erachtens wäre es grundfalsch gewesen, wenn sich der Film eng an die nordischen Göttersagen gehalten hätte. Zur Verdeutlichung, aus einer anderen Mythologie: Samson funktioniert in Sandalenfilmen auch nur deshalb als „Superheld“, weil er darin mit dem biblischen Samson kaum etwas gemeinsam hat.

Da wir nicht im Island des frühen Mittelalters leben, ist es auch für ein „rekonstruktivistisches germanisches Heidentum“ angebracht, die alten Überlieferungen zeitgemäß weiterzuentwickeln. Die zahlreichen Lücken in der Überlieferung lassen uns ohnehin keine andere Wahl, als, wie einst Snorri, etwas hinzuzudichten. Bei Unterhaltungsliteratur, bei Fantasy-Romanen zu Beispiel, ist ein sehr freien Umgang mit den Quellen sowieso völlig legitim. Das gilt selbstverständlich auch für Comics und Unterhaltungsfilme.

Vielleicht täte es manchen allzu verbissenen „Asengläubigen“ gut, sich von einigen Aspekten der Film-Götter inspirieren zu lassen. Heimdall ein Schwarzer? Diese Vorstellung stört mich überhaupt nicht. Im Gegenteil, sie hilft, eingefahrene Klischeevorstellungen zu überwinden. In der Völuspa wird Heimdall ja „Vater aller Menschen” genannt. In der kürzeren Seherinnenrede (Völuspa in Skamma) heißt es, er sei „sippenverwandt sämtlichem Volk”. Also könnte Heimdall jede Hautfarbe haben. Thor an der Steuerung eines Raumschiffes? Es passt, es ist für uns heutige ein kraftvolleres Bild als der von Böcken gezogene Wagen. Die kämpferische Sif und die sich mit dem Schwert ihrer Haut wehrende Frigga sind ein gutes Korrektiv zu den seit Snorris Tagen vorherrschenden Ideen, diese Göttinnen wären so etwas wie “göttliche Nur-Hausfrauen”.
Die Großen stehen ohnehin über allen Vorstellungen, die wir uns von ihren machen.

Was Thor persönlich angeht, weiß ich nicht, was er von den Filmen hält. Er hat allerdings Humor. Wie die meisten seiner Fans (außer den falschen).


MartinM
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