Die Singvøgel: JETZT   Teil II

Die Band „Singvøgel“ gibt es seit nunmehr 10 Jahren. Im Dezember 2012 erschien ihr fünftes Album mit dem schlichten Titel „JETZT“.

Dea Dia
Der aufwendigste, ambitionierteste und längste Song des Albums.

Die „Dea Dia“ ist die in unserem Kulturkreis wenig bekannte römische Göttin des Wachstums, womit die alten Römer allerdings nicht das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes oder der Konsumgüterproduktion oder dergleichen meinten, und übrigens auch nicht die Expansion ihres Weltreiches, sondern das Wachsen der Vegetation, den Wechsel der Tages- und Jahreszeiten und der Lebensalter, der Entwicklung jedes Lebens.
Von Ingo stammt das gut drei Minuten lange Intro. Ein ausgeklügelter Synthesizer- und Sample- Klangteppich, softer, moderner, sauberer als das, was „Kraftwerk“ einst ihren teils selbstgebastelten Analog-Synthesizern entlockten, aber unverkennbar ihre Schule.
Der Hauptteil ist Pathos pur und, ganz offen, ein Gebet mit abschließender Huldigung der Göttin. Nach einigen Klavierakkorden ruf Karan die Laren an: „enos lares iuvate“ („Hilft uns Laren“), gefolgt von „Hilf uns, Göttin“. In ihrem melancholischer Gesang beschreibt Karan zuerst den unbefriedigenden Ist-Zustand, in Worten, die eine treffende Beschreibung einer milden depressiven Verstimmung oder die Vorboten eine echten depressiven Episode sein könnten. Man könnte auch sagen: Ausdruck der Verzweiflung. „Alle Schönheit trägt ein Trauerkleid“. Dann folgt die Anrufung und die Huldigung der Göttin: „Wurzel allen Wandels“. Dabei wird das Stück richtig pathetisch, „fett“ arrangiert, mit verzerrter Gitarre als Rock-Element.

Aus persönlicher Sicht machen mir die Verse, aus Gründen, die nicht in die Öffentlichkeit gehören, schwer innerlich zu schaffen, und gerade dieses Stück ist nach meinem Geschmack zu bombastisch produziert worden. Anderseits erfordert das Thema eine „hymnische“ Umsetzung. Es ist definitiv kein Lied für Klampfe und Lagerfeuer.

Das aufwendige und handwerklich hervorragende, aber nach meinem Empfinden sehr gruselige und streckenweise sogar horrorfilmartige Video zum Song von George P. Schnyder ist ein Kapitel für sich und allein Georges Interpretation des Stoffes, nicht etwa die Umsetzung einer Idee der „Singvøgel“ selbst. Einen inhaltlichen Bezug zu den Laren und der Dea Dia, die ja eher Erd- und Vegetationsgöttin ist, erkenne ich darin nicht. Es ist ja schließlich auch nicht von einem Heiden für Heiden gemacht worden.

Krähe im Kopf
Dieses von Karan komponierte und getextete Lied war ursprünglich ein „Vögel im Kopf“, im Sinne von „einen Vogel haben“. Die Krähe ist Karans Tier. Inhaltlich eine weniger heftige Ergänzung zu Dukes genialem „Wahnsinn“, schließt anderseits an den „Wandel“ in „Dea Dia“ an: Von der erzwungenen Selbstdisziplinierung zur inneren Befreiung, mit versöhnlichem Schluss: „Ich hab ne Krähe im Kopf und lass sie fliegen.“

Auch
Duke ist ein sehr versöhnlicher, entspannender, freundschaftlicher und, trotzt der für „JETZT“ ganz allgemein typischen melancholischen Grundstimmung kein Stück trauriger Song gelungen. Ein Mutmacher-Lied und eine Liebeserklärung an die Menschen, ein Gegengewicht zum Sarkasmus und zum Schmerz anderer „Singvøgel“-Lieder.

„Auch“ ist fast schlagerhaft produziert und angenehm anzuhören, mit Anklängen an Reinhardt Mey – einem, was immer man von ihm halten mag, großartigem Verseschmied. Das „gemütliche“ und dichte Arrangement und die „fette“ Produktion passen, mit Blick auf das breite Publikum, schon. Es ist der meiner Ansicht nach „radiotauglichste“ Track von „JETZT“.

Meistens auf der Flucht
Ein gesellschafts- und selbstkritischer Song zum Thema „männliche Vorherrschaft“, der ohne Betroffenheitsgesülze und Politgeschwafel auskommt. Dukes treffende, wahre und und ironisierte Beschreibung der erbärmlichen Mentalität des typischen Mannes, der nach den Komplimenten der Frauen giert, aber eigentlich ab und an im passenden Moment einen Tritt in die Eier bräuchte. „Wir sind so logisch, wie ein Bündel Faden im Spiel der Katz – und wenn uns keine lobt sind wir verratzt.“
Der neunte und letzte Track ist die „Ambient“-Reprise von „Pegasus“, in der Ingo Vogelmanns Einfluss überdeutlich ist. Der große Vorteil dieser ziemlich getragenen Fassung ist, dass die Gesangspur deutlicher im Vordergrund steht und Karans vorzüglicher Text daher gut verstanden werden kann.

Arrangement und Produktion von „JETZT“ sind für meinen persönliche Geschmack zu pathetisch,   zu „fett“ und manchmal zu bombastisch geraten. Allerdings entspricht das nicht nur Ingos Handschrift, sondern auch den ausdrücklichen Wünschen der von ihrer musikalischen Herkunft sehr verschiedenen Bandmitglieder. Sie haben sich schon, über die reine Geschmacksfrage hinaus, etwas bei diesem Produktionsstil gedacht, etwa, wie sich bestimmte Inhalte am besten so verpacken lassen, dass potentielle Hörer nicht etwa sofort aufgrund von Vorurteilen (z. B. „Mittelalterband“, „Politbarden“, „Esoteriker“ oder ganz einfach „Spinner“) abschalten. Das Album ist meines Erachtens nicht zuletzt mit Seitenblick darauf, was heutzutage gut ankommt, produziert worden. „JETZT“ ist „mainstreamfähig“, allerdings meilenweit vom Kommerzpop entfernt, der im „Dudelfunk“ läuft.

Im direkten Vergleich z. B. zu „Für Zeiten wie diese“ profitiert „JETZT“ sehr von der langjährigen Erfahrung Vogelmanns. Der Klang ist ausgewogener, die Instrumente verschwinden nicht im Brei. Wobei auch ein guter Produzent nur das hervorholen kann, was die Musiker mitbringen.

Bei einigen Songs könnten die Gesangsspur etwas weiter in den Vordergrund gemischt werden, denn bei den „Singvøgeln“ sind die Texte nicht nur gut, sondern auch inhaltlich wichtig. (Sehr ungewohnt in der Popmusik der letzten 20 Jahre, ich weiß.) Technisch und handwerklich ist „JETZT“ unbestreitbar das beste Album der „Singvøgel“. Was die Lieder an sich angeht, textlich und kompositorisch, hält es dabei das hohe Niveau seiner Vorgänger.

Nicht nur bei der Produktion gingen die „Singvøgel“ neue Wege. Schon bisher steigerte sich von CD zur CD der Aufwand der Ausstattung – klar, denn ein CD-Käufer will ja einen „Mehrwert“ gegenüber dem Download, etwa ein Booklet.

Um dem musikalisch ambitionierten Album auch zur einer angemessene CD-„Pressung“ mit angemessener Ausstattung zu verhelfen, wagten die „Singvøgel“ ein Experiment: Crowdfunding. Für etablierte Bands ist das ein inzwischen bewährter Weg, für eher unbekannte „kleine“ Bands mit überschaubarem Fandom immer noch ein Wagnis. Es glückte – das crowd-finanzierte Album „JETZT“ ging ins Presswerk!

Das Album bestellt man am günstiges über die Website der Singvøgel. Es gibt es als CD und zum Downloaden, und zwar nicht nur im üblichen „gequetschten“ Format MP3, sondern auch im nahezu verlustlosen Format FLAC, das sich sogar für die High-End-Heimanlagen von Musikliebhabern mit High-End-Gehör bestens eignet. FLAC wird von allen hochwertigen modernen Playern unterstützt.

Da die „Singvøgel“ noch zahlreiche weitere bisher nicht auf Tonträger veröffentlichte Lieder in Petto haben, ist das nächste Album eigentlich nur eine Frage von Zeit und Geld. Das gelungene Crowdfounding zeigt, dass zumindest „Geld“ eine lösbare Aufgabe sein dürfte. Auch ein „Singvøgel-Life“-Album wäre eine tolle Sache.

Vielleicht ist auch eine auf die kleine, aber treue Zielgruppe der Heiden und Hexen zugeschnittene Produktion möglich, etwa mit mitsingfreundlichen explizit heidnischen Songs wie „Bragis Bande“ oder die in mehreren Liedern erzählten wikingerzeitlichen Geschichte von der „Schwarzen Perle“ der Meeresgöttin Ran.


Martin Marheinecke
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