Die Singvøgel: JETZT   Teil I

Die Band „Singvøgel“ gibt es seit nunmehr 10 Jahren. Im Dezember 2012 erschien ihr fünftes Album mit dem schlichten Titel „JETZT“.

Die neue CD der Singvoegel

Nun sind die „Singvøgel“ Karan Troubadoura , Duke Meyer und Sven Scholz sowohl durch die Texte ihrer Lieder, wie durch Auftritte bei hexischen Events, wie durch die spirituelle Orientierung als selber denkende Ásatrúar eindeutig eine (neo-)pagane Band, dabei demokratisch, antirassistisch, menschenrechtsfreundlich und braunheidenfeindlich (und durchaus hexenkompatibel). Allerdings ist „JETZT“ wie schon sein Vorgänger „Für Zeiten wie Diese“ mit Blick auf ein breiteres Publikum konzipiert, das auf „heidnisch germanische“ Texte wie „Mein Gott heißt Woudan“ vielleicht verständnislos reagieren würde. Das heißt allerdings nicht, dass JETZT für Hexen und Heiden nicht auch in spiritueller Hinsicht interessant wäre.


Als Lifeband sind die „Singvøgel“ ein Erlebnis

Für die Studio-Aufnahmen galt das bisher nur bedingt. Die bisherigen Alben der Band stehen auf hohem Amateur-Niveau, was für das einstige Duo durchaus reichte, den musikalischen Ambitionen der Pop- und Rockband aber nicht immer gerecht wurde. Das Trio zeigt auf „JETZT“ was es im Studio kann, mit der klaren Ansage, dass die „Singvøgel“ Ambitionen haben und jetzt keine „Amateurband“ mehr sein wollen. Durch einen jener Glücksfälle, die einer üblichen Lebenserfahrung in unsere Gesellschaft widerspricht (nämlich der, dass niemand einem etwas schenkt), die allerdings im Umfeld der sowohl pragmatisch wie magisch orientierten „Singvøgel“ gehäuft auftreten, kam die Band zu dem auch vom Namen her passenden Produzenten Ingo Vogelmann. Ingo ist ein erfahrener professioneller Produzent und eigentlich in doppelter Wortbedeutung unbezahlbar. Die „Singvøgel“ hatten das Glück des Tüchtigen: Ingo produzierte das neue Album JETZT nämlich aus Freundschaft und wegen des ihn offensichtlich faszinierenden musikalischen Potentials der Band für lau!


Nun zu den Tracks

Pegasus
Der Text, gedichtet und gesungen von Karan, ist eine Huldigung an die Personifikation des schöpferischen Prinzips, dessen, was noch vor der Phantasie und der Inspiration kommt. Leider – ich bin kein Dichter - finde ich kein anderes Wort als den abgenutzten Begriff „Kreativität“ um zu beschreiben, was „Pegasus“ (unter anderem) ist.

„Pegasus“ ist zugleich ein gutes Beispiel, wie heidnische Spiritualität „massenkompatibel“ verpackt werden kann: zwar stammt das Flügelross aus dem griechischen Heidentum, der Pegasus ist aber zugleich als Symbol so tief in der abendländischen Kultur verankert, dass ein Lied zu seinen Ehren selbst fromme Christen nicht irritieren wird.

Die erste Zeile: „Ich habe meine Heimat bei den Sternen“, könnte zugleich symptomatisch für die Band sein – sie hat Ambitionen, und zwar nicht zu knapp. Die Melodie ist ruhig und sanft, fast „schwebend“, melancholisch-nachdenklich, aber nicht traurig, die Besetzung „Singvøgel“-typisch halbakustische Gitarre, Flöte und Schlagzeug.

Renn, Elfe, renn!
Dass die „Singvøgel“ eine gesellschaftskritische, durchaus politische, Band sind, zeigt sich in dem zweiten Song.

Wobei die besagte „Elfe“ einerseits eine großartige Metapher ist. „Elfen mit Kampfhubschraubern jagen“ ist, was etwa die Ideologie des Präventionsstaates und das Vorgehen eines Polizeistaates angeht, weitaus treffender als das bekannte „mit Kanonen auf Spatzen schießen“. Anderseits ist die Elfe natürlich eine Allegorie, unter anderem für Natur, für Phantasie, für das innere Kind und für das „Anderssein“. Aber die Elfe ist nach meinem Eindruck mehr als nur Metapher und Allegorie, sondern als Naturgeist in gewisser Hinsicht real.

Das Intro sind Hubschraubergeräusche und Krähengeschrei – es evoziert die Atmosphäre eines „Castor“-Transportes, jedenfalls für den, der schon mal bei einer Anti-Castor-Demo im Wendland dabei war. Die Musik ist angemessen wuchtig-bedrohlich, der gesprochene Dialog Karans und Dukes in den Versen an militärischen Sprachgebrauch angelehnt – sozusagen „Hörspiel“. Im gesungenen Refrain „Renn, Elfe, renn, es geht um dein Leben“ wechseln sie die Ebene und sprechen die Elfe und den Hörer direkt an: Sie werden dich nicht hängen, aber erfassen, überwachen, kontrollieren, schikanieren, kleinmachen, dir dein selbstbestimmtes Leben nehmen.

Der Wahnsinn allein
Es ist mein persönlicher Favorit auf „JETZT“ und ein unverkennbarer Duke-Song.

Die scheinbar abgedrehten Verse Dukes sprechen eine tiefe und gern verdrängte Wahrheit aus. Wir wären arm dran, wenn wir allesamt „normal“, sozial angepasst, kontrolliert und vernünftig wären. Ohne eine Portion Größenwahn gäbe es weder künstlerische Ambitionen noch technische, kulturelle, politische Revolutionen, ohne mehr als eine Spur Beziehungswahn würde sich wohl kaum ein Mensch verlieben. Außerdem enthält „Der Wahnsinn allein“ für kundige Hörer deutliche Hinweise auf Odin, am deutlichsten „nicht mein achtbeiniges Pferd“. Auch dass Duke „schon allein meistens zu neunt“ ist, ist wahrlich keine dichterische Willkür.

Duke ist nach meiner bescheidenen Ansicht ein hervorragender Dichter. Mir gefällt das Lied auch wegen seiner „beinahe live“-Atmosphäre. (Hatte ich schon erwähnt, dass die „Singvøgel“ eine hervorragende Life-Band sind?)

Aller Anfang ist Meer
Wenn „Der Wahnsinn“ das „typische Duke-Stück“ des Albums ist, ist die melancholische Ballade „Aller Anfang ist Meer“ nach meinem Eindruck das „typische Karan-Stück“. Ruhig, romantisch, zurückhaltend und ein bisschen kitschig. (Was ich nicht negativ meine: halt a bissl Schmalz fürs Gemüt.) Inhaltlich ist es ein im Wortsinn naturspirituelles Lied.

Wie Duke ist auch Karan eine erstklassige Poetin, schon das Wortspiel „Aller Anfang ist Meer / mehr“ ist tiefsinnig und einer längeren Meditation wert.

Im direkten Vergleich zum thematisch und musikalisch verwandten „Muschelkalk“ auf dem vorangegangenen Album „Für Zeiten wie diese“ erkannt man den Wert der professionelleren Produktion: Karans Stimme kommt wesentlich besser heraus, ebenso der Klang der Instrumente.


Ende Teil I


Martin Marheinecke
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