Im Rausch des Narren

Muss man besoffen sein, um den griechischen Gott Dionysos mit dem Narren zu assoziieren? Nicht unbedingt, aber so manches verstehen wir vielleicht nur im Rausch.

Am Anfang herrscht das Chaos, ein Zustand ohne Struktur und Ordnung. Autoren, wie beispielsweise Rachel Pollack, verweisen gerne darauf, dass der Narr als erste Karte in den hohen Arkana des Tarots für den Ursprung allen Wirkens steht. Der Narr gilt als Zustand ohne Bindungen und ohne Vorurteile, er ist der Keim, aus dem später eine wunderbare Blume sprießen wird.

Die Darstellung des Narren unterscheidet sich innerhalb der Decks vielleicht mehr als beim Vergleich anderen Karten. Im Raider Waite marschiert er im Narrengewand auf einen Abgrund hinzu. Viele Symbole befinden sich auch auf der Karte: Die weiße Rose, der Stab und die Sonne. Viele dieser Symbole scheinen auch in den anderen Karten auf. Allesamt wirkt der Narr gelassen und unbesorgt, geradeso als hätte er nichts zu befürchten.
Anders ist seine Darstellung im Crowley-Tarot. Dort steht er im Zentrum der Karte und es sind sich zahlreiche okkulte Symbole und Hinweise auf der Karte abgebildet. Der Narr hat Hörner und ein Tiger beißt ihm in sein Bein. Und dennoch wirkt er auf dieser Karte vielleicht etwas gefasster.
Entsprechend den Darstellungen sind die klassischen Deutungen dieser Karte bei Ziehungen: Sie steht oft für kindliche Neugier, Unbeschwertheit und Sorglosigkeit und einen Neubeginn. Der Narr ist ein unbeschriebenes Blatt, der junge Grünschnabel, der auszieht, um später als Held zurückzukehren.

Es liegt nahe, zu versuchen, eine Verbindung zur Mythologie zu schaffen, auch wenn die Ursprünge des Tarots nicht gerade bei den antiken Kulturen zu finden ist. Es gibt Trickster Gottheiten, wie Merkur oder Loki. Sie sind frei von Bindungen und Verpflichtungen. Die Trickster-Gottheit ist ungefilterte Energie, die roh und unausgerichtet ist. Sie ist spontan und unvorhersehbar. Die Aufgabe des Tricksters ist es hierbei uns den Spiegel vor die Nase zu halten. Als Quelle des Antriebs über uns hinauszuwachsen, bildet er somit auch eine Art „Evolutionsmotor der Menschheit.“

Im Crowley Tarot und im Buch Thoth wird die Karte „Der Narr“ unter anderem mit Dionysos in Verbindung gebracht. Gerd Ziegler schreibt in „Tarot- Spiegel der Seele“ „Der Narr wird durch den Frühlingsgott Dionysos dargestellt ... Die Möglichkeit der Wiedergeburt ist auf allen vier Ebenen des menschlichen Seins gegeben... Die Hörner des Dionysos stehen für erweiterte Wahrnehmung.“

Der Mythologie zufolge nährt der Gott Dionysos im Menschen den Wahnsinn. Im Rausch drängen versteckte Gefühle und verdrängtes Verlangen an die Oberfläche. Alles, was wir Kraft unserer Nüchternheit im untersten Keller unseres Bewusstsein einsperren, prescht nun an die Oberfläche. Sind diese Wünsche stark und bereits lange verdrängt, wirken Betrunkene auf ihre Umgebung vielleicht sogar wahnsinnig.

Heißt das jetzt, dass man bei der Karte speziell beim Trinken aufpassen sollte, um sich so manche Peinlichkeit zu ersparen? Niemand macht sich gern freiwillig zum Narren. Vielleicht aber könnte man es auch als Appell sehen, genau auf die Erfahrungen und Gefühlsregungen zu achten, die hochkommen, wenn man sich in einem Zustand befindet, indem sich das Bewusstsein (z.B. durch Alkoholeinwirkung) verändert. Man bekommt vielleicht wertvolle Hinweise beinhalten, woran man arbeiten sollte und das menschliche Wachstum ist immerhin das wichtigste in manchen Traditionen, wie etwa dem linkshändigen Pfad.
Man zieht also den Narren und beschließt, dass es an der Zeit wäre, wieder unbeschwerter zu leben. Es wäre einfach, anzunehmen, dass die Sache damit erledigt wäre. In vielen Fällen hindert die Angst die Menschen daran, ihre Bürden hinter sich zu lassen, um wirklich frei zu sein und endlich die langersehnten Träume zu erfüllen. Sonst würden wohl viele Menschen, speziell die, die gerne über ihren furchtbaren Alltag schimpfen, einfach wie der Narr im Raider-Waite Tarot Deck unbeschwert durchs Leben ziehen und darauf vertrauen, dass nichts passiert und alles gut geht.

Ich habe diesem Thema, nach so mancher praktischen Recherche, ein Buch gewidmet. In meinem Roman "Der Narr", der im Luziferverlag erschienen ist (Printversion folgt im Oktober), wird mein Hauptcharakter auf die Prüfung gestellt: Im Rausch hat er sich in die Misere geritten. Um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, muss er sich den dunkelsten Abgründen seiner Seele stellen und dem Wahnsinn des Rauschs ins Auge blicken.
Ein wesentlicher Fokus im Buch liegt hierbei auf die Entwicklung des Protagonisten. Dass sich Ängste unerkannt ins Bewusstsein schleichen können und sie unser Handeln bestimmen, ohne dass wir einen Schimmer davon haben, ist Teil des Buchs. Speziell in manchen deutschsprachigen Gebieten sind viele Individuen wahre Meister darin, sich selbst und andere zu überzeugen, dass „eh alles passt“ und „ma si kan Haxen ausreissen muas, weil eh olles wuarscht is“ Es gibt somit keinen Grund, etwas zu tun, was wir nicht gewohnt sind. Am Sichersten und am Gescheitesten wäre es demnach, einfach immer aufs Alte zu vertrauen. Wie sehr manche unter dieser Einstellung leiden wird oft nach ein paar Bier augenscheinlich, wenn sich der Wahnsinn, den Dionysos gesät hat, ausbreitet.

Auch in meinem Buch muss der Protagonist den Tiger der Angst überwinden. Verraten möchte ich nichts. Nur so viel vorweg: Chaosmagier und Anhänger des linkshändigen Pfads werden in diesem Buch so manches wiedererkennen. Aber auch Wiccas und andere Heiden kommen nicht zu kurz. Die Beltaine-Feier im Buch wird, so hoffe ich,  hoffentlich vielen gefallen.


Freyjatru
Die Anrufung     25.02.2017
Erinnerungen     25.12.2016
Das kleine Restaurant     12.11.2016
Der Flohmarkt     08.10.2016
Der Magier     23.07.2016
Mara und der Feuerbringer - Teil III     22.08.2015
Mara und der Feuerbringer - Teil II     26.07.2015
Mara und der Feuerbringer - Teil I     18.07.2015
Idol (ein Making-of)     06.12.2014
Die Frau seiner Träume     29.11.2014
Marvel und Mythologie - Teil II     14.12.2013
Marvel und Mythologie - Teil I     30.11.2013
Die Singvøgel: JETZT - Teil II     16.02.2013
Die Singvøgel: JETZT - Teil I     26.01.2013
Im Rausch des Narren     06.10.2012
Neues Leben für Geschenkpapier     05.11.2011
Vogelfutterbastelein     30.10.2010
Von gemeinsamen Wurzeln     05.04.2008
Pan lacht im U-Bahnschacht - Teil II     21.07.2007
Pan lacht im U-Bahnschacht - Teil I     14.07.2007
Kräuter-Bilderrätsel     30.06.2007
Kräuter-Bilderrätsel     24.02.2007
Der Kabä     12.11.2005
Nochnoi Dozor – Wächter der Nacht     22.10.2005
Greifbar gewordene Göttervisionen     18.06.2005
Wintermärchen     06.12.2003
Eine Hexe im Museum     13.04.2003
Der wunderbare Regenbogenmann     15.03.2003
Runen raunen und flüstern uns zu     08.06.2002





              
                   
              



    

© WurzelWerk · 2001-2017