Betreut von MartinM
Pan lacht im U-Bahnschacht
Teil II

Er nahm doch, außer einem gelegentlichen Glas Wein oder hin und wieder etwas Hochprozentigerem keinerlei bewusstseinsverändernde Drogen zu sich! Seine, immer noch funktionierende Logik sagte ihm, dass es hier nur zwei Möglichkeiten geben konnte. Entweder er war verrückt oder die Welt war es. Es kam ja immerhin vor, dass Geisteskrankheiten urplötzlich bei bisher völlig gesund scheinenden Menschen auftraten. Vielleicht hatte ja ein chemisches Ungleichgewicht in seinem Körper in seinem Gehirn etwas aufgeweckt, was schon lange, vielleicht schon seit seiner Geburt dort geschlafen hatte - eine latente Geisteskrankheit! Vielleicht war das Ganze aber auch so eine Art männliche Wechselerscheinung? Auch Männer sollten ja neuerdings von solchen Widerlichkeiten nicht verschont bleiben. In Herrn Klingers Überlegungen drängte sich mit einem Mal ein anderer sensorischer Reiz, einer der olfaktorischen Art, genauer gesagt ein Geruch, dessen Note für ihn nicht eindeutig einzuordnen war. Einerseits eindeutig animalisch, andererseits aber bemerkte er, dass er ihn ..., ja, peinlich, aber in eindeutiger Weise erregte, erotisch, nein, sexuell erregte. Dieser Duft ging unzweifelhaft von einem weiblichen Wesen auf dem Sitz neben ihm aus.

Herr Klinger nahm seine Sitznachbarin jetzt genauer in Augenschein. Die jungen Frauen experimentierten ja in ziemlich freier Weise mit dem Medium Mode, aber was er hier sah, verschlug ihm den Atem. Die Frau, er schätzte ihr Alter auf etwa Mitte zwanzig, sah einigermaßen ... äh, nun, ungewöhnlich aus. Sie trug ein Fell, Wolf oder Ähnliches. Es war mit Lederriemen um ihre schlanke Taille befestigt. Obenrum war sie nackt. Nur eine Tätowierung zog sich längs über ihren Bauch, zwischen den festen, üppigen Brüsten hindurch und über das Brustbein bis hinauf zum Hals, wo sie hinter dem linken Ohr über den Nacken abbog und vorne unter dem Schlüsselbein endete. Es stellte eine sich aufwärts windende Schlange dar. Herr Klinger war ja nicht prüde, er zählte sich zur kosmopolitischen, urbanen Elite, aber das überstieg doch bei weitem jedes Maß an ... Schicklichkeit? Ein enorm altertümlicher Begriff, aber im Moment fiel ihm nichts Passendes ein. Es blieb ihm auch keine Zeit, nach einem passenderen Ausdruck zu suchen, denn die Frau wandte sich ihm mit einem raubtierhaften Lächeln zu, das ihre blitzend weißen Zähne entblößte. Dieses Lächeln verwirrte den ohnehin schon völlig verstörten Mann vollends. Die Burgen der Kontrolle, die Mauern der Vernunft, die Wälle der Logik und die gepflasterten Straßen der Zivilisation wurden weich wie Pudding und zerflossen zu einer gallertartigen Masse.
Die Wände des U - Bahnschachtes hatten sich ebenfalls verändert. Der Zug fuhr nun mit gleich bleibender Geschwindigkeit durch eine Art Höhle. Das heißt, er bewegte sich zwischen feuchten Felsmauern in dämmrigem Halbdunkel. Die Lichter im Zug waren irgendwann erloschen, ohne dass es Herrn Klinger ins Bewusstsein gedrungen war. Der Schein von rußenden Kienspänen, die das elektrische Licht nun ersetzten, schien ihm ohnehin die passendere Beleuchtung für das zu sein, was er jetzt im Begriff war zu tun. Das Rattern der Räder auf den Schienen hatte seinen Rhythmus nicht verändert, wohl aber seine Intensität. Nun war es dumpfem Trommelklang gewichen, begleitet von Flötenklang, Panflötenklang, um genau zu sein.

Wann hatte er sich eigentlich seiner schicken Schuhe entledigt? Wieso hing sein Reinseidenanzug in Fetzen an ihm? Und, zum Teufel noch mal, wie konnte es sein, dass sein, eben noch sauber entferntes Brusthaar in dieser kurzen Zeit derart enorm wucherte, weit stärker, als es das jemals getan hatte? Der Frau neben, oh, genauer gesagt, auf ihm, schien seine Behaarung jedenfalls zu gefallen. Sie leckte aufreizend über seine Haut, spielte mit der Zunge in seinem Ohr und tat, was Herr Klinger ohnehin eigentlich eben zu tun gewünscht hätte. Der Trommelrhythmus steigerte sich zu fast unerträglicher Intensität, stereotyp immer wieder und doch den Rhythmus der ekstatischen Vereinigung vorgebend oder ihm folgend, ach egal, das war's also, Ekstase! Endlich das passende Gefühl, um eine sinnleere Worthülse zu füllen! Aber die anderen Fahrgäste, was mussten sie denken? Da war nur ein einziger Fahrgast außer dem Mann und der Frau, ein gelockter, muskulöser Mann mit nacktem Oberkörper. Seine Beine waren in eine Art Hose aus Fell gehüllt. Genauer betrachtet, handelte es sich um kein Kleidungsstück, und ganz genau betrachtet war es tatsächlich Fell, gewachsenes Fell. Der Mann war am Unterkörper behaart, dicht behaart wie eine Wildziege. Einer seiner Füße war gestaltet wie ein Ziegenfuß. Seine Stirn trug Ziegenhörner. Er blies auf einer Flöte, Panflöte, um es genau zu sagen. Er setzte die Flöte ab und lachte ein wildes, ungehemmtes Lachen, das wie Ziegengemecker klang. In diesem Lachen brach alle Kraft und Wildheit der ungezähmten Natur hervor. Vor ihm zerbröckelte die dünne Tünche der Zivilisation und stob in alle Winde der Zeiten davon. Unschuld erblühte darin in der gleißender Reinheit des Schöpfungsmorgens, und kindliche Freude am Dasein tanzte darin. Und Ekstase. Die Ekstase des Jägers beim Verfolgen des Opfers, die Ekstase des Gejagten, dessen Blut im Sand versickert, die Ekstase des Tanzes unter den Sternen, die Ekstase der Geburt und des Todes, die Stimme des Windes, des Feuers, der Wasser und der Steine, der Gesang der Sterne, das Lied des vollen Mondes über den Bergen, die Ekstase des irdischen Lebens.
Als der Zug in die Station einfuhr, in der Herr Klinger täglich auszusteigen pflegte, war diese kaum wieder zu erkennen. Es war dunkel. Armdicke Wurzeln wanden sich die Tunnelwände hinunter, glänzend vor Feuchtigkeit. Die Schienen waren verschwunden. Dort, wo eigentlich der Bahnsteig sein sollte, brannte ein Feuer, das nackte Menschen, versunken in Trance, tanzend umkreisten. Die Frau zog Wilhelm Klinger, oder das, was einmal (wann?) ein Mann dieses Namens gewesen war, zum Feuer, und beide mischten sich unter die Tanzenden. Der Ekstase der Liebe folgte die Ekstase des Tanzes zur Musik der Flöte des Großen Pan. Die tätowierte Schlange wand sich lebendig um den tanzenden Leib der Frau. Sie kroch langsam herüber, bis sie die Brust des Mannes erreichte, hinauf bis an seinen Hals. Dann biss sie zu. Als dem Mann die Sinne schwanden, verklang das Lachen des Pan und leise Flötentöne mischten sich noch hie und da in die Tonbandansage "Türen schließen, Zug fährt ab."

Herr Klinger, untadelig nun wieder, in Anzug und Schuhen bestieg die (funktionierende) Rolltreppe und fuhr nach oben. Er erschien pünktlich wie immer an seinem Arbeitsplatz. Seine nicht unerhebliche Verwirrung blieb seinen Kollegen verborgen, zum einen, weil sie mit eigenen Dingen beschäftigt, nicht wirklich auf die Befindlichkeiten anderer achteten, zum anderen, weil Herr Klinger bemüht war, sich nichts anmerken zu lassen. Er sprach niemals über sein verstörendes Erlebnis, zu niemandem, auch nicht zu seinem Psychotherapeuten, den er wöchentlich einmal, zur Seelenhygiene, aufsuchte. Auch seinem Fitnessstudio blieb er treu. Alles in allem, verlief sein Leben nicht viel anders als vorher. Nur sein Wecker blieb ihm ein Rätsel. Egal welchen Sender er wählte, er weckte ihn von da an immer mit dem gleichen Ton, der Flöte des Pan. Und da war dieses unerklärlich, wuchernde Wachstum seines Brusthaares ...


Morgane
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