Betreut von MartinM
Pan lacht im U-Bahnschacht
Teil I

Dieser denkwürdige Tag begann wie jeder andere Arbeitstag auch. Nichts deutete auf eine Besonderheit hin, als Wilhelm Klinger morgens um sieben von dem vertrauten "Bong, mit dem Gongschlag ist es sieben Uhr, sie hören die Nachrichten" aus dem schon dünnhäutig gewordenen Morgenschlaf erwachte. Wie jeden Morgen fragte er sich, warum er sich nicht von klassischer Musik oder seinetwegen auch von trivialen Schlagern zu den Anforderungen des Tages rufen ließ. Mussten es denn unbedingt diese hartkantigen Fanfarenstöße sein, ohne verwischte Übergänge, ohne das Zwielicht des Halbschlaf - oder Halbwachseins, sondern ihn übergangslos ins grelle Morgenlicht stoßend? So wie jeden Tag nahm er sich also vor, das alsbald zu ändern. So wie jeden Tag tat er es dann doch nicht.
Vorerst einmal ging er in die Dusche, nicht nur, um sich der morgendlichen Säuberung und Erfrischung zu unterziehen, sondern auch, weil es, wie er am Abend zuvor festgestellt hatte, wieder Zeit wurde, seine virile Körperbehaarung zu entfernen. Nicht immer hatte er das getan, aber in den letzten Jahren gehörte es sich einfach für einen fortschrittlichen Mann, in gepflegter Glätte aufzutreten, in trauter Zweisamkeit ebenso, wie zum Beispiel im Fitnessstudio.

Der Kaffee wartete bereits, vorprogrammiert, verlässlich, schon am Abend zuvor drei gestrichene Messlöffel in die Filtertüte, Zeit auf Dauer vorgewählt. Sonnenblumenbrötchen in den Toaster, Lightbutter und Magerschinken drauf, ein Glas Orangensaft, Vitamintabletten, nicht zu vergessen das rechtsdrehende, probiotische Joghurt. Bios, Leben, versprach es, zumindest dieses Leben bewahren zu helfen, das man sich so und nicht anders aufgebaut hatte. Schutz, Sicherheit, wohlgeordnete, vorausschaubare Schrittfolgen, ein Tanz, wenn auch nicht ekstatisch. Ekstatisch?
Dieses Wort kam allerdings unerwartet. Es überfiel Wilhelm Klinger aus dem Hinterhalt und traf ihn unvorbereitet. Das hätte ihn eigentlich warnen sollen. Tat es aber nicht. Er steckte es in die Lade mit der imaginären Aufschrift: "Vorläufig ablegen, kann jetzt nicht bewertet werden. Muss warten." Und schon verschwand die leichte Beunruhigung. Darin hatte Wilhelm Übung. Er lebte allein, als so genannter Single, mit einer langjährigen Dauerbeziehung und einigen one night stands, die aber weiter nichts zu bedeuten hatten. Man nahm einfach so mit, was sich ergab. Ekstase war dabei jedenfalls noch niemals vorgekommen. Nicht, dass er ein kalter Fisch gewesen wäre. Oh nein, Leidenschaft, jedenfalls als kurzfristig sich einstellender Zustand, war ihm schon des Öfteren zugestoßen, aber keinesfalls ließ er sich dadurch so weit treiben, dass sie über sein wohl geordnetes Leben herein brechen durfte wie ein Wirbelsturm, um da etwas durcheinander zu bringen, was so und nicht anders zu sein hatte und auch so bleiben sollte. Ekstase jedenfalls hatte darin keinen Platz. Sie verhielt sich ähnlich einem exklusiven Möbelstück, das der Wohnung doch einen gehörigen exotischen Reiz verliehen hätte, dem sich aber andererseits die ganze Einrichtung unterordnen hätte müssen, und für das man, genau genommen ohnehin keinen geeigneten Platz zur Verfügung hatte. Ein ekstatischer Buchhalter! Lächerlich! Dass ihm dieses Wort in den Sinn gekommen war, rührte sicherlich nur von einem verirrten Nervenreiz her, der zufällig eine der synaptischen Abzweigungen falsch erwischt hatte und sich so versehentlich in seinen linken Schläfenlappen verirrt, plötzlich feststellen musste, dass er da am falschen Zielort gelandet war und schleunigst wieder dorthin verschwand, woher er gekommen war. Kein Grund also für irgendeine Beunruhigung!

Wilhelm Klinger verließ das Haus, ging ungefähr zweihundert Meter zur nächsten Station der Städtischen Untergrundbahn und bestieg die Rolltreppe. Seine Gedanken waren längst dort, wo er, der Schwerfälligkeit der körperlichen Existenz zufolge, erst in einer halben Stunde eintreffen würde, im Büro der renommierten Steuerberatung im Stadtzentrum, an seinem Arbeitsplatz.
Die Rolltreppe rührte sich nicht. "Da müsste doch ein Schild sein, 'Außer Betrieb' oder so", dachte Wilhelm Klinger in seiner gewohnt peniblen Art. Es machte ihm nichts aus, zu Fuß zu gehen. Die zwei Mal wöchentlich im Fitnessstudio hatten den erwünschten Effekt, sein Körper war durchtrainiert und ohne den geringsten Fettansatz um den Bauch, der sich für gewöhnlich bei Männern über vierzig einstellt.
Aber sein Ordnungssinn war empfindlich gestört. Rolltreppen hatten zu funktionieren, wenn nicht, hatte die Dysfunktion deutlich sichtbar gekennzeichnet zu sein, Punktum. Niemandem außer ihn schien diese Schlamperei zu stören. Niemand mokierte sich über diesen offensichtlichen Fehler im öffentlichen Leben. So, als wäre alles völlig in Ordnung, stiegen einige Personen gleichmütig die stehenden Rolltreppenstufen hinab, andere wechselten, ebenso ungerührt, auf die parallel dazu in die Tiefe führende Treppe, die übrigens, ein weiterer, ärgerlicher Umstand, glitschig feucht war. Wenn hier jemand ausglitt und stürzte, wäre das ein klarer Fall von öffentlicher Haftung. Aber auch das schien keinen weiter zu berühren. Herr Klinger fand das ein wenig seltsam. Die Leute waren doch für gewöhnlich sofort bereit, sich über Kleinigkeiten zu mokieren, und häufig dienten diese Anlässe auch als Abfuhr für anderwärts aufgestauten Ärger. Heute schien sich aber bei keinem der Passagiere noch etwas angestaut zu haben.

Die Nässe beschränkte sich nicht auf die Stufen. Sie überzog die gefliesten Wände des U-Bahnschachtes als feuchter Film. Ja, an manchen Stellen tropfte es sogar von der gewölbten Decke des Tunnels auf die Menschen herab, die das allerdings weder zu bemerken schienen, noch sich in irgendeiner Weise davon gestört zeigten. Man hätte einen Regenschirm gebraucht, um nicht völlig durchnässt zu werden. Herr Klinger beschloss, sofort nach dem Aussteigen diese empörenden Zustände in der Verkehrszentrale zu melden, da ja kein Anderer außer ihm an diesen Zuständen Anstoß zu nehmen schien.
Der Zug fuhr in die Station ein. "Ja, um Himmels Willen!" entfuhr es Wilhelm Klinger, "Ohne Ansage, mein Gott, das ist doch nicht möglich!" Die neben ihm wartende, junge Frau im engen Mini wandte ihm darauf hin einen Blick aus ganz bemerkenswerten Augen zu, Echsenaugen hätte er gedacht, wenn das nicht völlig unmöglich gewesen wäre. Senkrecht mandelförmige Pupillen, über die sich sekundenschnell ein durchscheinendes, hautartiges Lid schloss und wieder öffnete. Eine Kontrolle dieses, sicherlich täuschenden, Eindrucks blieb ihm verwehrt, denn die Frau bestieg nun den Waggon. Dabei hatte sie einige Mühe, den doch einigermaßen hinderlichen Schuppenschwanz vor der zuschnappenden, hydraulischen Türe in Sicherheit zu bringen. Dabei entstand ein trocken reibendes Geräusch. Es fuhr Herrn Klinger derart überlaut in die Gehirnwindungen, dass er fast das Abfahrtssignal überhört hätte. Das allerdings nahm er auch unter normalen Umständen nicht mehr bewusst wahr, denn es war Teil einer vielstimmigen Kakophonie, der Stimme des Großstadtmonsters. Von normalen Umständen aber konnte zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht mehr gesprochen werden, das war Wilhelm Klinger nun bereits klar geworden, als statt des eigentlich misstönenden, digitalen Hornstoßes des üblichen Abfahrtssignales etwas Unerhörtes seine akustische Wahrnehmung herausforderte.
Es war die Melodie einer Panflöte. Panflöte? Ja zum Donnerdrummel noch mal, das war doch schlichtweg unmöglich! Es hatte weder Regen noch Reptilien in U - Bahnstationen zu geben, und erst recht keine Flötentöne als Abfahrtssignale! Aber was war es dann gewesen, was geschah hier?


Ende Teil I


Morgane
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