Wintermärchen

Wie Rübezahl Schlitten fährt und die Kinder beschenkt
Ein Bauersmann, den die Armut das Rechnen gelehrt hatte, war im Herbst in den Wald gezogen, hatte Holz geschlagen und gestapelt. Er hoffte, später die Buchenscheite als Brennholz mit seinem Schlitten abholen zu können, wenn Schnee gefallen war. Nun ließ sich der Winter zwar hart an, brachte aber nur Raureif und wenig Fahrschnee. Und wenn sich wirklich an den Hängen die glitzernden Silbersterneeinmal häuften, so leckte die Sonne daran, und schon trat der blanke Boden hervor. Es war aber mittlerweile dem Bauern der Holzvorrat ausgegangen, und er musste – wohl oder übel- versuchen, seinen Teil abzuholen. So quälte er sich denn ab, den großen Handschlitten auf den Berg zu ziehen, kam auch schließlich an eine Schneehalde und begann aufzuladen.
Da gewahrte er einen anderen Bauern, der kam des gleichen Weges gezogen und hatte ebenfalls einen Holzschlitten zur Hand. Dieser Mann sprach ihn an:“ Guter Freund, gibt es talwärts auch genug Schnee, dass ich mein Holz hinunter schaffen kann?“
„Gevatter“ sagte der Bauer und kratzte sich hinter den Ohren, „wenn ihr die Absicht habt, Holz in das Tal zu rutschen, so seid ihr übel beraten. Schon hundert Klafter abwärts hört die Schlittenbahn auf und ist alles nur Schlamm, Wasser und Geröll. Es wird uns Beiden sauer werden.“
„Wo habt ihr euer Holz?“ fragte der Fremde. „Kann ich´s nur laden, will ich´s schon fördern.“ Da zeigte ihm der Bauer seinen großen Stapel.
„Das ist kein guter Platz für die Fuhre“, bemerkte der Fremde, „doch packet hurtig an, reicht mir zu, wir wollen die Ladung auf beide Schlitten verteilen.“
„Wollet ihr mir helfen, so wäre mir wohl“ sagte der Bauer „denn ich weiß mir keinen rat mehr. Das Holz ist mir ausgegangen, Weib und Kind müssen frieren, und kaum will unsere Suppe gar werde. Ich bin zwar ein armer Mann, aber ein paar Groschen will ich Euch für die Hilfe wohl auszahlen.“
„Langt nur zu“ rief Rübezahl, denn der Bergvater war es persönlich und eben bei guter Laune, „wir werden es schon zwingen.“
Sobald die beiden Schlitten bepackt waren, rief der Berggeist, der sich einen Freundschaftsdienst vorgenommen hatte:“ Fahrt alleweil vor, so weit der Schnee euch tragen kann, ich komme nach uns springe dann bei.“
Da lenkte der Bauer seinen Schlitten den Hang hinunter, bis er in der Schmelze festsaß. Und dann half kein Rucken und Schieben, der Schlitten zuckte nicht vom Fleck. Er war ganz vermuckt.
Indessen fuhr Rübezahl hinterdrein, schnalzte mit der Zunge, und sein Schlitten glitt über die morastige Wegspur, als wären sie gefroren, und war schon halb im Dorf. Dann kam er lachend zurückgelaufen und sprach : “Seht ihr, so muss man aufkasten und fahren, sonst rinnt der Schweiß über die Katz.“
Der Bauer bat nun , Rübezahl möchte ihm helfen. Der sprach: „Wohlan, zieht nur zu, ich will schieben“. Und nun ging der Schlitten wie geschmiert in den Geleisen des Weges, und im Nu standen sie schon vor dem Haus. Da freute sich die Hausmutter über die schnelle Besorgung und nötigte den Helfersmann in die Stube. Sie kochte in aller Eile eine Suppe zusammen, und bald saßen die drei mit den Kindern um den Napf herum, und lustig klapperten die Löffel.
Rübezahl sah sich in der armseligen Stube um. Jetzt fragte der Bauer nach seiner Schuldigkeit. Der Bergvater aber sprach “Gib mir was du übrig hast, ich sehe schon, dass es nicht viel sein kann. „ Da kramte der Mann drei Groschen aus seiner Lade und sagte:“ Nehmt , guter Freund. Was ich habe, gebe ich gerne, was ich nicht habe, kann ich nicht geben.“ Damit war der Fremde zufrieden.
Unterweilen tanzten die beiden Jungen des Bauern um das Ofenfeuer und sangen:“ Im Winter, da ist es am schönsten auf der Ofenbank.“ Siwe sprangen dabei so munter herum, dass der Bergvater seine Lust daran hatte. Er lockte einen der Knaben auf seine Knie, ließ ihn reiten und brummte dazu:


Hoppe, hoppe Reiter
Wenn er fällt, da schreit er.
Fällt er in den Graben,
fressen ihn die Raben,
fällt er in den Sumpf,
macht der Reiter plumps.


Der Knabe juchzte vor Vergnügen. Da griff der Fremde in seine Tasche, zog eine handvoll Spielkügelchen hervor und fragte: “Junge, magst du diese Kügelchen haben?“ Das Bürschlein griff mit beiden Händen zu und war selig. Denn Kinderhand ist bald gefüllt.
Der andere Junge sah wohl, wie sein Brüderlein beschenkt worden war, und es blutete ihm das Herz. Aber er fand nicht den Mut, dem wildbärtigen Fremden näher zu kommen. Da warf Rübezahl ihm ein paar Kügelchen zu, stand auf und nahm Abschied.
Der Hausvater gab dem seltsamen Schlittenfahrer noch ein kleines Ehrengeleit, bedankte sich aus vollem herzen und kehrte zurück.
Die Jungen spielten nun mit den Kügelchen und die Eltern hatten ihre Lust daran. Bis sie sich die Spielkügelchen genauer ansahen. Aber wer beschreibt ihre Freude, da sie die Spieldinger als pures Gold erkennen durften! So sagte der Vater:“ Nun merke ich wohl, wer mir so gütigen Beistand geleistet hat und wem wir diesen Goldsegen verdanken. Kein anderer als der Bergvater ist bei uns zu Gast gewesen. Dabei fällt mir auch jene Geschichte ein, die mir mein seliger Vater immer erzählt hat: Es soll aber vor Zeiten geschehen sein, dass sechs Wanderer über das Gebirge reisen wollten. Wie sie nun an den großen Teich kamen, darin sich die Schmelzwasser der Schneekoppe im Frühjahr zu sammeln pflegen, haben sie ein sonderbares Gesicht gehabt. Der Teich blinkerte in der Sonne. Und obschon weder Eis noch Schnee auf dem Wasser waren, so tummelte sich dort ein seltsames Gespann. Vor einen Schlitten war ein starkes Wildschwein gespannt, und auf dem Schlitten saß als Kutscher der Berggeist persönlich, schnalzte mit der Zunge und trieb sein sonderbares Renntier in lustigen Bogen und Schleifen über die Haut des Schneekoppenteiches dahin. Damals haben diese Leute schon erfahren, dass es dem Rübezahl gar nichts ausmacht, auch ohne Schnee und Eis seinen Schlitten zu leiten, wann und wo er nur mag. Davon haben wir nun heute den Beweis mit eigenen Augen gesehen.
Es ist ein wunderlicher Kram mit dem Berggeist. Manche hält er zum Narren und anderen hilft er. Uns ist er wie ein Vater beigestanden, hat das Holz gefahren und die Kinder beschenkt. Nun können wir endlich die Kuh kaufen, und ich brauche mich nicht mehr selber vor den Pflug zu spannen, um den steinigen Sturacker zu bestellen. Wir werden Milch haben, Butter stampfen und Honig soll uns künftig auch fließen, wie es in den alten Weissagungen verheißen ist.“

Karl Paetow



Als Märchen und Sagen noch bei Kerzenschein erzählt wurden, war Frau Holle das Wintermärchen Nummer Eins. Jedoch nicht nur als Märchen, sondern auch als Sagengestalt wurde viel von Frau Holle erzählt.


Frau Holle und die Bäuerin
Früher wurden in Masuren in den Tagen zwischen Mittwinter und dem Perchentag die Federn geschlissen. Wenn draußen der Schnee die Wälder und Felder und Wege tief zudeckte und wenn in den Dörfern die Eisblumen, die der Frost an die Fensterscheiben malte, so dick wurden, daß man nicht hinaussehen konnte und es schon am frühen Nachmittag im Hause dämmrig war, dann saß man in der Kücher rings um die großen Federtrommel, in welche die Federn geschlissen wurden.
Zwischen den Doppelfenstern lag frisches Moos und leuchtete sommerlich grün in das Zimmer. In der Backröhre des Herdes brutzelten die Äpfel. Ihr süßer Duft vermischte sich seltsam und geheimnisvoll mit dem herben Duft der Tannenzweige, die an der dunklen Decke zwischen die Balken geklemmt waren und daran erinnern sollten, das es Mittwinterzeit war.
Es war ganz still in der Küche, geheimnisvoll still. Man hörte nur das leise Ticken der Uhr und das Schleißen der Federn. Und jedesmal, wenn eine Seite vom Federkiel gezogen wurde, hörte es sich an, als ob ein feines, zartes Kinderstimmchen leise rief oder klagte.
Und eine Sage wurde wach in den stillen Stunden der Mittwinterzeit:
Vor langer, langer Zeit wirtschaftete auf einem großen Bauernhof eine blitzsaubere, junge Bäuerin. Sie war nicht nur schön, sondern auch fleißig, und nie sah man sie die Hände in den Schoß legen.
Nun waren einmal wieder die zwölf heiligen Nächte der Yulezeit gekommen; die Zeit , in der mit dem Frieden der Natur auch die Menschen Einkehr halten und stille werden sollen; die Zeit, in der Frau Holle über das Land geht; in der sie nach den jungen Saaten sieht, ob sie auch warm liegen unter dem Schnee - und nach den jungen Frauen, ob sie auch ihrem Kindlein, das sie bald wiegen sollen, ein weiches Bett bereitet haben. Ganz still wird es dann im Lande und auf den Höfen, damit das Leben nicht gestört wird, das wachsen will in der Wintersnacht.
An einem Abend dieser stillen Zeit saß die junge Bäuerin allein in der Stube. Die Knechte und Mägde waren in der Gesindestube, und der Jungbauer war zu einem Nachbarn ins Dorf gegangen. Es war so still, daß die junge Frau nur das Pochen ihres eigenen Herzens hörte, es pochte geradeso wie eine feine, zarte Wiege - hin und her und her und hin...
Zuerst ging die Bäuerin ruhelos durchs Zimmer, denn das Nichtstun wollte ihr nicht gefallen. Immer wieder sah sie nach der Ecke, in der das Spinnrad stand und Mittwintersruhe hatte; und endlich holte sie es hervor uns begann zu spinnen. "Es sieht doch niemand hier, wenn ich ein wenig spinne" dachte sie.
Wie sie aber ein paarmal das Rad gedreht hatte, stach sie sich tief in den Finger. Sie stieß einen Schmerzenslaut aus und versuchte, das Blut zu stillen. Da hörte sie plötzlich eine mahnende Stimme:"Du weißt doch, daß du in diesen Tagen nicht spinnen sollst und kein Rad sich drehen darf in dieser heiligen Zeit."
Die Bäuerin erschrak. Doch als sie aufschaute, sah sie ein helles, gültiges Frauenantlitz, und alle Angst war ihr mit einem mal verschwunden. "Wer bist du?" fragte sie leise. "Ich bin die Frau Holle" antwortete die fremde Frau. "Und ich will, daß ihr Ruhe haltet in den Zwölften, wie die Erde Ruhe hält und auf das neue Leben wartet". "Ich kann aber doch nicht ohne Arbeit leben" klagte die junge Bäuerin. Frau Holle sah sie freundlich an: "Du trägst ein Kind unter deinem Herzen. Wenn du nun durchaus etwas tun willst, dann schleiße die Federn, die du von deinen Gänsen gerupft hast, damit dein Kindlein, wenn es auf die Welt kommt, ein weiches, warmes Bettchen hat! Sieh, ich decke ja auch das junge Leben mit dem Schnee zu, damit der Frost es nicht vernichten kann."
Wie im Nebel war die Gestalt verschwunden - und es war kein anderer Laut mehr in der kleinen Stube als das leise pochen und wiegen des Herzens. Da holte die junge Frau ihre Federn herbei und schliß sie und machte daraus ein Bettlein für das Kind, das sie unter dem Herzen trug...

Hertha Ohling


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