Rivka

In meiner Familie hat sich zum Glück niemand die Mühe gemacht, mir eine religiöse Erziehung zu Teil werden zu lassen. Dafür schien – rückblickend – jede/r der für meine kindliche Seele zuständigen Verwandten mit mir, wenn auch stillschweigend, darin überein zu stimmen, dass die Welt entschieden mehr als nur drei Dimensionen habe – und dass tatsächlich, andererseits, manches genau das ist, was es zu sein scheint.

Normalität war zwar wünschenswert, wurde aber eher als eine Form klugen Verhaltens betrachtet denn als erstrebenswerter Geisteszustand, und um den wichtigsten meiner Verwandten als verrückt zu gelten, musste man schon ziemlich verrückt sein.
So sammelte ich als Kind ungestraft tote Vögel, um sie nach Däumelinchenmanier wieder gesund zu pflegen (wenn ich sie dann doch begraben musste, empfand ich das nicht als Strafe sondern als äußerst attraktive Alternative), ich redete mit Sternen, Steinen und dem Unkraut auf dem Trümmergrundstück um die Ecke, während mein Bruder entschieden der geborene Giftpflanzenfinder war – und seine Selbstversuche (und Blindgängerfunde) kosteten meine Mutter wirklich schlaflose Nächte.

Mein kindheitsüberdauerndes magisches Weltbild tat dies nicht; es beunruhigte niemanden, weil es von all jenen Personen, die familiäre maßgebende Instanzen darstellten, geteilt wurde. Es war noch nicht einmal nötig, darüber zu sprechen, und es wurde in der Regel auch nicht darüber gesprochen: es steckte uns allen in den Knochen und steckt mir noch heute.
Den Boden unter den Füßen dieses magischen Weltbildes, in dem es weder Zufälle noch Bedeutungsloses gab, lieferte der ziemlich gnadenlose Pragmatismus, der merkwürdigerweise in denselben Knochen derselben Verwandten steckte. Ich hatte (und habe) die Neigung, zuweilen ein wenig über diesem Boden zu schweben. Dann schreibe ich, werde ein bisschen verrückt oder sehe in die Zukunft.

Das, was ich als das Leben und die Bedeutung in allen Dingen kennen gelernt habe, bezeichne ich heute als Gott. An Gott nicht zu glauben ist mir – trotz redlicher existenzialistisch-atheistischer Bemühungen – nie gelungen; auch Gott steckt mir, glaube ich, in den Knochen.

Hier im WurzelWerk betreue ich die Rubrik „SteinWeise“ und bin im WuWe-Forum Co-Moderatorin von McClaudia und Perduil im Themenforum „Es war einmal “ und im offenen Forum „Umwelt, Gesellschaft, Heidentum und Politik“; auch findet sich im „RegenBogen“ das eine oder andere meiner Gedichte.

 



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